Partynächte

Es gab ja viele Kommentare und Ratschläge vor letztem Samstag. “Nacht der O”? Schon ne ganz schöne Hausnummer. Erstaunen, Nachfragen, Ermunterungen, Aufklärung. Der Konsens war, dass es sicherlich ein netter Abend werden würde.

Nun ist es ja so, dass diese Schreiberin hier ein elend neugieriger und wissbegieriger Zeitgenosse ist, und bekannt für Hauruck-Entscheidungen. Und sich damit durchaus auch mal in die Jauche reitet.

Das Motto war mir klar, auch wenn ich das Buch nie gelesen habe. Das Thema “O” reizte mich einfach zu sehr.

Die Definition was eine O ist und was ganz genau das beinhaltet, legt ja jeder Mensch selbst für sich aus. Aber so im Grossen und Ganzen tendiere ich schon in die Richtung. Glaub ich. Nicht einfach zu sagen, wenn man nur reine Spielbeziehungen ohne Einfluss aufs Alltagsleben hat.

Trotzdem. Ein SZ-Bekannter suchte eine Partybegleitung und schwupps hörte ich mich tatsächlich sagen dass ich gerne mitkommen wollte um mir das mal anzuschauen. Das “erst reden dann denken” hab ich über die Jahre schließlich perfektioniert. 😉

Nun gut. Keine Panik. WAS ZIEH ICH NUR AN????  Es wurde gegrübelt, gegoogelt, verworfen, angesichts mancher Kreationen nach Luft geschnappt, und ein paar Sachen bestellt. Gar nicht so einfach, bei suboptimaler Körperform leicht zugänglich und event-tauglich und trotzdem ansehnlich angezogen zu sein. Die Wahl fiel auf ein halbdurchsichtiges Vokuhila-Kleid in schwarz und natürlich ohne schmerzlich vermisste Formunterwäsche.

Halsband? Check. Heels? Check. Strümpfe? Check. Hosen? Gestrichen voll.

Dann kam per Mail die Zusammenfassung wie der Abend laufen würde. Organisatorisches, Kleiderordnung (er dunkler Anzug oder Smoking, sie eben wie oben beschrieben), Benimmregeln, Spielregeln, und eine sexuelle-Vorlieben/Abneigungen-Liste zum Ausfüllen. Die würde von den Veranstaltern ausgedruckt und uns wieder übergeben werden, und ich würde sie immer bei mir tragen (so dass sich jeder Herr über mich informieren könnte). Auch stand da was von Vorstellungsrunde und Präsentation.

Ok. Wollte ich mir das nicht “mal anschauen”?? Und jetzt Vorstellungsrunde? Nix mit reinschleichen, stark unauffällig hinten stehen, und mal schnuppern?

Au Mann.

An dieser Stelle muss gesagt werden dass der Herr sowieso, aber auch O jederzeit abbrechen bzw STOP sagen können. So eine Party ist ja kein rechtsfreier Raum und gegen den eigenen Willen passiert gar nichts, O hin, O her. Es gibt genau definierte Grenzen des Spiels. Nadeln, NS, Wachs (wegen der Flecken an der Einrichtung, die einem ja nicht gehört), blood play etc sind von vornherein verboten. GV nur mit Kondom. Kein Anspritzen, kein Schlucken (ausser O vermerkt das explizit auf ihrer Liste). Handdesinfektionsmittel-Spender überall verteilt. Wer sich nicht dran hält, unangenehm auffällt, oder das STOP missachtet, fliegt.

Das beruhigt alles theoretisch sehr, aber praktisch konnte Schreiberin am Samstag kaum was essen vor Nervosität.

Dann war es soweit. Anfahrt, Fluchtinstinkt unterdrücken (der sich inzwischen mit einem deutlichen Ziehen zwischen den Schenkeln vermischte) und ab ins Hotelzimmer, wo ER schon wartete. An dieser Stelle muss ich wieder einmal alle Twitter-Romantiker enttäuschen, bei denen Mann erst nen Drachen töten und sich wochenlang als würdig erweisen muss bevor er auf dem weißen Pferd daher reiten darf. Das weisse Pferd war eine weisse C-Klasse und wir kannten uns von vielen Vorabgesprächen. Jeder kannte seine Rolle für den Abend und dann ist auch mal gut.

Also, durch die private “Vorstellungsrunde” durch, Schmuck (Stahlplug mit Glitzi) in Empfang genommen, ins Outfit geworfen, Schuhe eingepackt wegen Schneefall, langen Mantel an, und ab zur Location. Diese war ein hübscher, sehr sauberer, sehr gut (schwitz) geheizter Swingerclub im Nirgendwo, für den Abend komplett gemietet. In Empfang genommen, zur Umkleide,  Hand/Fussfesseln dran, hohe Schuhe an, Wertsachen eingesperrt, Leine dran, und ab nach oben wo sich unsere Wege auch schon trennten.

So eine O-Party lebt ja von der Atmosphäre und der Illusion, und deshalb galten ab jetzt die Benimmregeln. Devotes Verhalten, alle Herren werden “gesiezt” ( wohl der größte Stolperstein für mich, die das nie tun muss), die Herren werden von uns mit Drinks bedient (dem Job entkomm ich wohl nie..), Blick nach unten, nicht in die Augen schauen (krieg ich hin, ich mag langen Blickkontakt gar nicht), keine Widerrede oder Diskussion nach Aufforderung zu was auch immer, Sprechen nur zwecks Fragen oder wenn gefragt ( oops).

Also, auf in die Bar wo sich die Mädels versammelten. Von ein paar Schnüren mit Strass bis zum imposanten Unterbrustkorsett mit Taftrock (fast wie im Westernsaloon, nur dass der Busen im Freien hing und der Rock offen war) war alles vertreten. Und Gott sei Dank: sie waren gross, klein, dick, dünn, alt, jung. Aber alle toll zurecht gemacht. Es gab Sekt, den 70er-Jahre-Möchtegernporno-O-Film in Dauerschleife, viel Geplapper und Gespräche (die sehr amüsant waren aber Vanilla-Ohren zum Glühen gebracht hätten) und für jede von uns einen Kapuzenumhang fürs “intro”.

Dann ging es los. Mund halten, die Treppe runter, passende Musik an, und ein Spalier bilden bis alle Herren durch waren. So viele Schuhpaare hab ich noch nie auf einmal analysiert. 😂

Und dann war es Zeit. Wir waren an der Reihe. Das Gefühl ist vielleicht vergleichbar mit einem Flugzeugpassagier mit Flugangst, wenn die Tür verriegelt und die Gangway abgekoppelt wird. Aus die Maus. Kein Weg mehr raus. Augen zu und durch.

Also, rein im Gänsemarsch zur ersten Runde und dann Aufstellung im Kreis, Gesicht nach aussen, Blick nach unten. Zu Füßen jedes Herrn lag ein Badetuch. Unser Platz. Der Hausherr des Abends ging mit seiner Sub im Kreis rum und pickte sich bei jedem Durchgang eine O heraus, die eine Kerze halten sollte bis die vorhergehende O sich zu ihrem Herrn gesellt hatte. Nach kurzer Zeit bekam man die Kerze also wieder abgenommen, und wurde auch des schwarzen Umhangs beraubt. Als wäre das nicht genug, beugte sich der Hausherr zu jeder O herunter und flüsterte ihr ins Ohr wie sie sich der versammelten Mannschaft präsentieren sollte.

Oh…Mist. Mistmistmist.  Das kann ich nicht. Das kannst du schon.  Das musst du auch, weil, erstens bist du sonst hier ganz ganz falsch und zweitens machst du dich hier jetzt nicht zum Depp, und IHN auch nicht. Ha! Ich BIN ein Depp, weil ich gesagt habe, ich will hierher. Ich könnte jetzt auf meiner Couch sein und diesen Liam Neeson-Film anschauen… Herrgott, du WOLLTEST das. Wissen ob das was für dich ist, und jetzt REISS DICH ZUSAMMEN. Und gib endlich zu dass dich das Ganze antörnt.

Und schon stand der Hausherr vor mir und wenig später wurde die Rückseite meines Kleides hochgerafft während ich mich nach vorne beugte, Rücken gerade, die Hände auf meinem Arsch. Das geraunte “Oh, mit Plug. Sehr schön” des Hausherrn war noch das Tüpfelchen aufs i. 

Äußerst dankbar kam ich eine Runde später der Aufforderung nach, noch eine Runde zu laufen und mich zu meinem Herrn zu knien. Und..Hey,  ich hatte es überlebt. Und es war gar nicht schlimm. Oder? Endlich hatte sich der “Sub-Modus”-Schalter umgelegt, auf den ich den ganzen Abend gewartet hatte. Auf den war bis jetzt immer noch Verlass. Ab jetzt war es leichter. Ballast weg. Siehste. Du kannst das.

Wenig später, als alle O’s bei ihren Herren waren, ging es nach oben in die verschiedenen Räumlichkeiten. Zur Ausstellung. Nein, keine Toys oder Spielgerät der Antike. WIR wurden ausgestellt, samt Zettelchen mit Tabus und Vorlieben. Na super. Blick runter, aus den Augenwinkeln die Situation abchecken, und wenn man da schon fast so steht wie vorher, die Hände diesmal auf ner Sitzbank, dann kann man sich ja auch von seiner besten Seite präsentieren und ne sexy Haltung einnehmen. Es bestand Herrenüberschuss, wie bei solchen Parties üblich. Mein Zettel wurde auf jeden Fall öfter als ich gedacht hätte, durchgelesen und auch mal wohlwollend kommentiert. Dabei stand da wirklich nichts besonderes, meiner Meinung nach??? Aber gut.

Letztendlich läutete die grosse Glocke, und der Spieleabend begann. Meine Leine wurde in die Hand genommen, natürlich von meinem “Herrn des Abends”,  da ich angekreuzt hatte dass Andere mich nur in seiner Anwesenheit bespielen sollten, und ab ging’s in das erste Zimmer, gefolgt von zwei oder drei Paar Herrenschuhen. Soviel zum Thema “mal schauen”. Hättest du dir auch denken können, blöde Kuh. 😂

Die Einzelheiten würden den Umfang dieses Blogeintrags komplett sprengen. Die verarbeite ich separat,  in 2 oder 3 kurzen Geschichten, vielleicht auf Englisch, und definitiv in der 3. Person. Dann klingt es nicht so nach Schlampe. 😂😂😂

Aber ernsthaft: der Abend war ein voller Erfolg, auch wenn es vielleicht organisatorisch, oder von der Location her (die einfach auf Vanilla-Swinger ausgerichtet ist und wenig Fixierungsmöglichkeiten oder Platz für Spielgerät bot) Luft nach oben gibt. Ich habe es auch meist geschafft, die Regeln zu beachten und bin mit Lob und Respekt für meinen Löwenmut, so von jetzt auf gleich,  und ohne rotes “Novizinnen-Armband” ins kalte Wasser zu springen, überschüttet worden. Das “Siezen” hab ich auch nur 3x vergessen an dem Abend. Danach haben sich mein Arsch und ich daran erinnert. (und irgendeinen triftigen Grund zu finden, freut die Herren ja sowieso grundsätzlich)

Was ich sehen wollte, war letzten Endes, wie viel O in mir ist in so einer Situation, ob ich das kann, und ob ich Vorführung und vor allem die Sache mit Verleih/ Fremdbenutzung kann und MAG. Ich hatte ja schon länger den Verdacht, dass das meins sein könnte. Und das wirkt sich ja auch auf die Zukunft aus, falls aus einer Spielbeziehung mal eine echte Beziehung werden sollte, mit wem auch immer.

Ja, das ist meins. Absolut. Und zwar nicht nur, um dem Wunsch (m)eines Doms nachzukommen (Sie wissen schon, die Sache mit dem vorbehaltslosen Dienen) sondern auch weil ICH das will. Für mich. Weil es mich geradezu unsäglich geil macht, wenn ich 4, 6,… Hände auf mir habe anstatt 2. Wenn ich mit dem Gesicht nach unten auf den Knien bin und meinen Herrn im Hintergrund Unverständliches murmeln höre und darauf vertrauen muss dass er mir weder Quasimodo noch sonstwas Unannehmbares rausgesucht hat. Dass ich nicht weiss was passieren wird. Dass ich zu dem Schwanz vor mir kein Gesicht parat hab. Zu der Stimme in meinem Ohr kein Bild. Da ist nur Lust, pure Lust. Die soweit geht dass es unwichtig ist wer er ist, wer sie sind, Hauptsache es hört nicht auf und ich kann endlich kommen. Wer da noch alles ist und zuschaut….scheissegal.

Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich an sich poly bin. Ich denke, nicht unbedingt. Momentan mutet es von aussen betrachtet vielleicht so an, wegen der verschiedenen Spielpartner. Wobei ich beide auch oft wochenlang nicht sehe. Ist ja nicht so, als ob ich von einem Bett ins nächste springen würde. Aber ich denke, wenn ich meinen Mr Right finden würde, der optimal passt und mit dem ich auch Schmetterlinge im Bauch haben könnte statt nur das Spiel und ein “ne schöne Woche dir” auf WA, dann wäre mir auch ein Halsband MIT Bedeutung und nur EIN Herr, nämlich ER, recht. Allerdings….Seit letztem Samstag weiss ich eines sicher:

Eine rein monogame Zweierbeziehung für uns allein, ohne play parties, ohne Fremdbenutzung meiner Wenigkeit, und ohne anderweitigen, freundschaftlichen Kontakt mit anderen BDSMlern, sei es zum Kaffeeklatsch oder zum Workshopbesuch, wird es mit mir nie mehr geben.

Dazu bin ich zu gesellig. In vielerlei Hinsicht.

 

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4 thoughts on “Partynächte

  1. Großartige und authentische Beschreibung (jedenfalls vermute ich das, ich habe ein solches Event noch nie mitgemacht). Macht mich einerseits sehr neugierig und macht mir andererseits sehr plausibel, wie Frau sich bei so einem Event fühlt. Und ohne ideelle Überhöhung geschrieben. Danke.

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    • Also, diese Frau hier wundert sich immer noch selber, wie selbstverständlich das funktioniert hat. Vor 5 Jahren wäre ich allein bei dem Gedanken schon schreiend weg gerannt. Vor 2 Jahren war ich von sowas auch noch meilenweit weg.
      Und jetzt bin ich bei vorher das grosse Schlottern und dann Fisch im Wasser.
      Steile Karriere, huh? 😂😶

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