Das ewige Thema: Missbrauch im BDSM & ein paar Gedanken dazu.

Das ist ja, abgesehen vom Sexkaufverbot, DAS THEMA in der BDSM-Ecke von Twitter. Jetzt geb ich halt auch noch meinen Senf dazu. Wie immer handelt es sich um meine Meinung, meine Erfahrungen, und mein Empfinden. Wenn Ihr es ganz anders seht, oder erlebt (habt), dann bitte.

Ein ganz witziger Blogeintrag dazu ist übrigens mein alter Beitrag “Die Geschichte von der Sklavin, die auszog, einen Herrn zu finden”. Findet ihr auf diesem Blog, wenn ihr weit genug zurückscrollt. Bis Februar 17. Sorry, dass ich ihn nicht verlinke, entweder lässt mich die kostenlose Basisversion von wp das nicht einfach so machen, oder ich bin zu doof. Tja nun. Der fasst so ungefähr meinen holprigen und keinesfalls reibungslosen Weg ins und anfänglich durchs BDSM zusammen.

Die Anfänge waren – siehe eben diesen Eintrag Feb 17 – schwer. Sobald ich meine Profile zuerst in der SZ und dann auch irgendwann im Joy mit Infos und Fotos füllte, und mit dem Vermerk “suche Mann” online ging, (damals noch in der Hoffnung, da wären ganz normale Menschen, die auch noch LESEN können), kamen Fluten von Zuschriften rein. Das allermeiste unmöglich. Zu weit weg, hässlich wie die Nacht finster, 65 Jahre alt oder 27. Gebunden, verheiratet, Swingertype mit nem 25-cm-Gratis-Flogger vom Onlinesexshop. Offensichtlicher potentieller Frauenprügler (das Problem würden später die NICHT so offensichtlichen werden..). Typ mit völlig anderen Fetischen und Kinks. Typ mit, sagen wir mal, intellektueller Minderausstattung. Typ mit so sagenhaft dämlichem Anschreiben, dass es auf keine Kuhhaut ging. Devote Männer. HÄ??? Transvestiten. HÄÄÄ????? Andere Subs. OCH LEUTE….

Es war schwierig, sich durch das qualitativ oft nicht gerade hochwertige Angebot zu wühlen, und noch viel schwieriger, zwischen harmlosen Schaumschlägern und Psychopathen zu unterscheiden bzw Männern, die diese Plattformen als Jagdgrund für noch naive Neulinge nutzen, welche sie benutzen, missbrauchen, vertrimmen und wegwerfen wollen bzw können. Die (alten weißen cis-) Predatoren, eben. (Und glaubt mir, die, die sich augenzwinkernd selbst so nennen, sind das fast nie wirklich. Sondern die anderen.)

Und es war schwierig, sich einen Überblick über das riesige Angebot zu verschaffen, das der BDSM an sich bietet. Man sehe nur mal das A-Z der anzugebenden Vorlieben in der SZ. Da musst du ja als Neuling die Hälfte der Begriffe googlen. Was wollte ich eigentlich? Was käme in Frage? Welche Praktiken, welche Handlungen? Nur Spielen, oder mehr? In den Alltag hinein, oder soll an der Haustür Schluss mit Einfluss sein? Wie ist das mit Schmerzen? Wie weh tut dies oder das eigentlich? Wo sind meine Grenzen? Und wie trete ich auf? Was kann, bzw MUSS, ich tun, damit ich nicht gnadenlos über den Tisch gezogen werde? Wie vermeide ich Gefahren? Und wie soll ich wissen, ob mein Gegenüber es ehrlich mit mir meint, oder ob der nur eine naive Pute sucht, die er mal ordentlich verkloppen und über die er einmal drübersteigen kann? Was für Tabus habe ich eigentlich? Und wie, um Himmels Willen, soll ich sowas als Anfängerin eigentlich jetzt schon wissen?

Das ist nur ein Auszug der Fragen, die man sich stellt. Und dann wühlt man sich eben durch, und findet vielleicht 2 oder 3 von 150 Leuten, mit denen man mal Kontakt aufnehmen möchte. Man nimmt diese ganz wenigen mit nach WA. Und dort verkacken es dann nochmal 80%, mit unangebrachten verbalen Übergriffigkeiten, mit Dick Pics, die man gar nicht haben wollte, oder sie reden sich bezüglich ihrer Vorstellungen bezüglich BDSM um Kopf und Kragen. Und am Ende bleibt dann, wenn man Glück hat, selten mal tatsächlicher einer übrig, mit dem man sich zumindest auf einen Kaffee treffen will. Vielleicht sogar mehr. Aber… was dann?

Dieses “was dann” ist der Knackpunkt. (Vor allem) wenn man ein Neuling ist, ist man ja oft naiv. Oder besser gesagt, man glaubt an das Gute im Menschen und kann sich gar nicht vorstellen, was für kollossale Arschkrampen es gibt. Und das Problem ist halt, dass gerade der BDSM ein Sammelbecken für solche Leute zu sein scheint. Weil sie natürlich rausbekommen haben, dass unerfahrene oder verliebte Subs leichte Beute sind. Und ich weiß, dass es ganze Abhandlungen darüber gibt, wie man solche Leute identifiziert und vermeidet, und sich schützt etc etc. Stammtische, Frauenrunden, Bücher, “Schutzengel” für erste Treffen, die man über die SZ kontaktieren kann, usw.

Das ist auch alles wichtig und richtig. Die Leute abklopfen, sich erst mal zum Kaffee zu treffen. Nicht mit Phantomen mitgehen. Sich nicht, wie ich immer wieder im Joy lesen kann, mit wildfremden Unbekannten zwecks Date im Hotel treffen. Sich auf jeden Fall covern lassen. Auf bestimmte No Go´s im Verhalten, den Aussagen, der Art wie man sich gibt und wie man spielt, achten. Und noch viel mehr.

Das Problem darin ist nur: die echten, talentierten, geübten Psychos tarnen sich extrem gut. Wenn du z.B. mit einem Narzissten noch nie zu tun hattest, und darüber im Vorfeld nicht schon viel gelesen hast, dann gehst du so einem fast zwangsläufig auf den Leim. Wahrscheinlich nur diesem einen im Leben, weil danach alles klar ist, und du so einen auf 2km gegen den Wind riechen kannst. Aber dieses eine Mal wirst du Federn lassen, und nicht zu knapp.

Die Sache ist einfach die…. auch trotz sämtlicher Vorsichtsmaßnahmen: Garantien gibt es keine. Mann kann auch 2x total zuvorkommend und vorbildlich sein, aber irgendwann ist man halt doch allein mit ihm. Und gefesselt. Mann kann sich auch auf 2 Parties an Absprachen und Grenzen halten, und auf der 3. nicht mehr. Mann kann sich auch erst im Laufe der Zeit zum Negativen verändern, bzw seine Maske fallen lassen.

Irgendwann kommt der Punkt, wo man einem “Neuen” vertrauen muss. Wenn man von Anfang an schon das Gefühl hat, dass IRGENDWAS nicht stimmt, oder sich nicht wirklich RICHTIG anfühlt, dann sollte man gar nicht erst weitergehen. Denn das Bauchgefühl betrügt einen eigentlich nie. Wir haben nur oftmals in dieser rationalen Welt verlernt, (auf) es zu hören. Und da bin ich mir, wenn ich meine TL und Dinge, die mir herein RTed werden, so lese, manchmal nicht so sicher, ob der Tenor nicht etwas zu sehr in die Richtung “beachte Punkt A-F und geh auf das Frauentreffen, und denk immer an G-Z, und dann bist du auf der sicheren Seite” geht.

Die schlechte Nachricht ist: man ist NIE komplett sicher. Wenn man mit lebenden Menschen, unter ihnen eine Vielzahl von Irren (und im BDSM noch mehr) zu tun hat, gibt es – wie schon gesagt – keine Garantien. Punkt.

Die gute Nachricht ist: man kann im BDSM sehr viel im Vorfeld klären, und den Leuten wesentlich mehr auf den Zahn fühlen, als das in Vanillahausen üblich ist. Und ich finde, die Gespräche und Verhandlungen vorab sind eine Hilfe, denn sie geben eine definitve Grenzlinie vor, und wenn die übertreten wird, dann ist das nicht ohne sofortige Konsequenzen für den Fortbestand der ganzen Beziehung, oder eben auch nicht mehr.

Diesbezüglich fällt mir noch was ein: das leidige Wörtchen “NEIN!” und dessen Bedeutung. In Vanillahausen ist das ja so ne Sache. Wie wir alle wissen, heißt “Nein” Nein. Nur, dass manche Frauen es eben doch manchmal eher als “nicht ganz so nein” verwenden, ob bewusst oder unbewusst. Und wir wissen, dass es immer wieder Arschkrampen gibt, die von sich aus ein Nein überhören und ignorieren, und sei es noch so ernstgemeint und eindringlich. Wie auch immer, dieses Nein, der Ernst dahinter, und das Ignorieren anderer Leute Grenzen sind Ursache und Grund für alles von hitzigen Twitterdebatten, feministischen Kreuzzügen, Hasstiraden durch jämmerliche Incel-Gruppen, bis #metoo, und eben Vergewaltigungen. Und da muss ich sagen, das ist auch so ein Grund, warum ich den BDSM liebe. Da kann und soll vorher geredet und ausverhandelt werden. Und man weiß deshalb normalerweise ganz genau, wo die rote Linie ist. Und was wie bis dahin alles geht. Bei reinen Spielbeziehungen und random losen Treffen mit Bekannten sicher in engerem Rahmen, innerhalb einer echten D/s-Beziehung sicher mit größerem Spielfeld. Und innerhalb dessen bewegt der dominate Part sich je nach Absprache vielleicht frei nach Belieben. Dann gibt es innerhalb des Feldes kein NEIN. Und im TPE gibt es nicht mal mehr das abgesteckte Feld. Wie auch immer, es gilt der Spruch

“Nein ist kein Safeword.” Das hat man nämlich ja auch noch. Zumindest am Anfang. Insofern ist BDSM -wenn man nicht gerade an einen perfekt getarnten Vollpsychopathen gerät- für mich ein sicherer Spielplatz als Vanilla. Weil man praktisch gezwungen ist, zu reden und zu verhandeln, und das Gegenüber in sein Innenleben schauen zu lassen, bevor man sich auch nur auf einen Kaffee trifft. Und mit etwas Bauchgefühl kriegt man da schon über die Tage oder Wochen vorher mit, wie einer reagiert, und ob er sich mit irgendeiner Bemerkung oder Aussage, oder mit Unverständnis für bestimmte Grenzen ins Aus bugsiert.

Deshalb lässt man sich auch am besten Zeit, und schreibt lieber tagelang Romane in den Joy oder die SZ, und dann nochmal tagelang Romane in WA bevor man sich trifft. Und auch da nur öffentlich. Mit covern, mit Infos, mit Bauchgefühl. Und mehr kann man halt einfach nicht tun.

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Schlaf gut, lieber L.

Seit dem 23.1.20 nachmittags war der letzte Herr plötzlich offline. Komplett, auf WA, auf Joy, überall sonst. Ungewöhnlich für einen, der alle paar Minuten am Handy hing, schon alleine vom Job aus. Am 19.1. hatten wir zuletzt geschrieben, am 24.1. hatte ich ihm noch ein lustiges Meme geschickt, auf das er eben nicht mehr reagierte. Ab dem 27.1. hab ich immer mal wieder gegoogelt und gecheckt, ob er irgendwo online ist. Nichts. Stille.

Ich hatte schon ein echt schlechtes Bauchgefühl, weil das so ungewöhnlich war. Heute Morgen hab ich wieder gegoogelt, und mit seinem kompletten Namen als Suchbegriff tauchte ein fb- Post einer (wohl) Angehörigen auf, mit seinem Geburtsdatum und dem Vermerk ” – 30.1.20″. Und mit fast 30 Beileidsbekundungen drunter. Fast alles in seiner Muttersprache, eine slawische Sprache, aber ich hab es mir online notdürftig übersetzt. Kein Hinweis darauf, was zur Hölle da passiert ist.

Irgendwas muss am 23.1. passiert sein, was so schlimm war, dass er ab da nicht mehr ans Handy gehen, oder es mitnehmen konnte. Die letzte Woche war er dann wohl im Krankenhaus, wenn ich den fb Post richtig deute.

Er war nach seiner OP, die der Abschluss einer Ärzte- und Behandlungsodyssee über gut 9 Monate gewesen war, wieder vergleichsweise das blühende Leben, zum ersten Mal seit ich ihn kannte ohne dunkle Augenringe, und voller Pläne. Gerade eine Wohnung zum Kaufen gefunden, als Investment. Wollte im Frühjahr in seine alte Heimat gehen für seine Firma, und dort eine Dependance aufbauen. Hatte sich gerade seine kleine, hübsche Eigentumswohnung dort frisch renovieren lassen, und alles war ausgehandelt und geklärt, von den Zuschlägen über die Pendlerpauschale bis zum Budget für den Aufenthalt. Da hatte er sich drauf gefreut.

47 Jahre alt. Mitte Januar hab ich ihn auf einen Kaffee besucht. Ich hatte lange keine Zeit, das Wetter war schlecht zum Fahren, oder ich war zu bequem. Dann war er in der Klinik. Und danach klappte es dann doch. Gerade noch rechtzeitig, im Nachhinein betrachtet. Alles super. Endlich wieder Luft bekommen, mehr Energie, wieder spät Abends online unterwegs als der Nachtmensch, der er war. Bald Kontrolltermin, weil die OP schwierig war und die Heilung überwacht werden sollte. Und jetzt….zack, weg. Einfach so. Das ist krass.

Ich hab mich nie mit direkten Worten bei ihm bedankt für das, was er für mich getan hat, sondern nur so durch die Blume. Er war derjenige, der eine verunsicherte, ziemlich BDSM-selbstvertrauensbefreite, vom Kontakt mit einem Narzissten angeknackste Frau wieder auf die Beine gestellt, und ihr das Vertrauen in Doms an sich und sich selbst als Sub sprichwörtlich wieder reingeprügelt hat, salopp gesagt. Und er war hinter seiner extrem sarkastischen und rauhen Schale ein wirklich guter Kerl. Und ein guter Herr. Eine Liebesgeschichte war es nie zwischen uns, aber es war gegenseitiger Respekt, Vertrauen und später Freundschaft da.

Vielleicht krieg ich noch raus, was denn nur passiert ist, oder wo er liegt. Vielleicht auch nicht. Vielleicht kann ich noch Blumen hinlegen irgendwann, und mich verabschieden.*

Bleibt wieder einmal die Erkenntnis, dass keiner weiß, wie viel Zeit ihm bleibt, und dass man niemals warten darf, die Dinge zu tun, die man tun will. Lebt, liebt, lacht! Esst die Nudeln anstatt den Salat, wenn sie euch anmachen. Zieht das teuerste, edle Paar Schuhe in den Supermarkt an, anstatt sie im Schrank für die eine Party alle 5 Jahre aufzuheben. Schaut die Heißluftballons nicht jahrelang von unten an. Wenn ihr Bock habt, dann bucht euch einen Flug. So lange ihr noch könnt. Und wenn ihr unglücklich in eurer Beziehung oder mit eurem nicht existenten Sexleben seid, dann ändert jetzt was. Irgendwann fallt ihr um und seid lange tot, dann ist es zu spät. Und ihr wisst nicht, ob das mit 86 geschieht, oder……..mit 47.

Er hatte eine Topfpflanze in der Küche am Fenster, ein Usambaraveilchen in lila. Auf das hat er immer gut aufgepasst, denn es war erstaunlicherweise so alt wie er. Ging nie ein, blühte wie verrückt. Zog überall hin mit ihm um, egal wohin. Überdauerte an diversen Fenstern über die Jahre auch Krankenhausaufenthalte oder längere Reisen.

Ich hoffe, die, die deine Wohnung ausräumen, kümmern sich weiter drum. Dahin, wo du jetzt hingezogen bist, konntest du es nicht mitnehmen.

Schlaf gut, lieber L.

* Nachtrag. Im Februar 21 habe ich die Beerdigungsanzeige gesehen und mir auch notdürftig mit Hilfe von Google übersetzt. Unerwartet hat Gott der Herr blabla…seinen Armen blabla…. Himmelreich usw. Wüsste er was im Anzeigentext stand, er würde sich wahrscheinlich im Grab rumdrehen. Alles religiöse Gedöns war ihm nämlich zuwider. Das kam noch von seiner Jugend und seinen Erfahrungen im Jugoslawien/Kosovo-Krieg plus Flucht nach Deutschland, was alles mit verschiedenen Religionszugehörigkeiten und gegenseitiger Intoleranz verknüpft war. Seine Familie besteht allerdings wohl aus religiösen Kirchgängern vom Dienst, anders kann ich mir die ultragläubige Anzeige nicht erklären. Das Grab besuchen werde ich nie, denn er ist irgendwo aufm Land in Kroatien beerdigt worden. Aber heute am 1. Jahrestag hab ich an ihn gedacht und das hier re-posted.

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