Corona und Co.

Das wird jetzt mal ein Eintrag aus geballtem Mimimi, und es fällt mir tatsächlich gerade zeitweise ziemlich schwer, nicht in Selbstmitleid auf der Couch zu versacken.

Vor ein paar Tagen habe ich die erste der beiden alten Rattendamen tot im Käfig gefunden. Es ging ihr schon länger nicht mehr so gut, sie hatte in immer kürzeren Abständen sowas wie Schwächeanfälle, wohl auch arge Rückenschmerzen, einen Bumblefoot, den wir jeden Tag behandeln mussten, und man merkte, dass ihr einfach allmählich die Puste ausging. Nachmittags haben wir sie beerdigt. Jetzt ist nur noch ihre letzte Schwester übrig, um die wir uns jetzt umso mehr kümmern müssen, weil sie kein Rudel mehr hat, und ich bezweifle, ob eine Vergesellschaftung mit den anderen klappen wird. Ich glaube, nach diesen zwei Rudeln, dem kleinen alten, und dem noch jüngeren, neueren, war es das für mich mit Ratten. Ich schaffe es seelisch einfach nicht, gefühlt alle 2 Monate ein geliebtes Haustier zu Grabe zu tragen. Wir haben alle geheult wie die Schlosshunde, sogar der Ex. Ich kann mit Sterben und Tod erwiesenermaßen sowieso nicht umgehen, und das ist mir alles zu viel. Und es ist nur die Spitze des Eisberges, unter dem ich mich gerade befinde.

Auch der plötzliche Tod meines letzten Herrn Ende Januar geht mir immer noch im Kopf rum, zumindest wenn ich durch meine WA Chats scrolle, und den einen grauen Haken sehe. Und das triggert altbekannte Denkmuster von wegen Verlustängste, Unsicherheiten, Schwarzmalerei etc, die ich aktiv unterdrücken muss, weil sie dem jetzigen Herrn gegenüber sinnlos und unangebracht sind.

Ich vermisse meinen Herrn, verdammt nochmal, und kann ihn doch nicht sehen. Weiß nicht, wie lange das so bleibt. Es könnten auch noch viele viele Wochen sein. Kommt ganz auf Corona an, und darauf, wann endlich Tests für alle gemacht werden können, und zwar schnell und ohne dass man das nochmal Tage später nachtesten muss. Die Angst, dass unsere noch ziemlich frische Beziehung mit erst ein paar Treffen bis jetzt, durch all die Belastungen und Sorgen von wegen Corona gepaart mit der räumlichen Distanz leiden könnte, macht mich echt fertig. Auch, wenn es keinen Pieps in diese Richtung gab bis dato. Ich mache mir trotzdem Sorgen, freue mich über jede Nachricht und jedes Gespräch, überlege mir, was ich schreibe, will nicht nerven oder lästig sein, will nicht sexuell needy rüberkommen in einer Zeit, wo man wahrscheinlich anderes im Kopf zu haben hat, obwohl die Sub in mir hintergründig immer dringend rauswill. Bin ganz erwachsen und vernünftig, und will doch eigentlich nur eine Umarmung und eine kurze Verschnaufpause, an meinen “Felsen” gelehnt. Mich ausheulen können. Einen Kuss auf den Scheitel, ein “alles wird gut”. Auch, wenn es beschönigt, blind, oder schlicht gelogen wäre. Ich nähme alles. Auch wenn ich weiß, dass das halt nicht geht. Und, dass er sich auch große Sorgen macht, wie die Welt sich verändern wird durch diesen Clusterfuck.

Die Sorge, dass ich mich oder jemand, den ich kenne oder mag sich mit Corona infiziert, ist auch nicht ohne. Jede Andeutung einer Erkältung betrachte ich argwöhnischst. Und ich habe ein sehr mulmiges Gefühl, wenn ich doch alle 7 bis 10 Tage mal für Salat&Co in den Supermarkt muss. Ich kenne die Videos aus Italien. Die armen Menschen. Schöner Dreck.

Eine weitere große Baustelle ist meine Mum, bei der es absehbar ist, dass sie es auch nicht mehr ewig macht. Sie ist in den letzten Jahren wirklich “alt” geworden, und körperlich wie geistig unflexibel, und schafft auch keinen ausgedehnteren Bummel durch irgendeine Innenstadt, oder eine kleine 2-Stunden-Wanderung um einen See mehr. Redet und denkt wie eine alte Frau, nicht wie jemand, der jung geblieben ist im Geist. Hat diverse körperliche Gebrechen, nimmt diverse Medis, und obwohl wir sehr verschieden sind und oft genug von unserer Einstellung zu den Dingen und unserer Denke her aneinander geraten, bekomme ich regelrecht innerliche Panik, wenn ich daran denke, dass sie irgendwann nicht mehr da sein wird, und ich dann de facto allein hier sein werde, bis auf die Kinder. Und Corona macht es momentan echt nicht besser. Sie gehört zur Premiumklientel für das Virus. Der Ex ist da, ja, aber der wird irgendwann wegfallen falls er zurück in die Heimat geht, wenn die Kinder alt genug sind. Und er ist ja der Ex, schließlich. Und dem jetzigen Herrn, auch wenn wir forever after zusammenbleiben würden, würde ich mich bzw meine persönliche Last nicht aufhalsen wollen. Ich habe immer alles mit mir allein ausgemacht. Dieses Mal habe ich allerdings tatsächlich Angst.

Da kommt viel zusammen. Das zumindest zur Zeit wochenlange Alleinsein – Corona sei Dank – das Vermissen, die Verantwortung für alles hier, die generelle Traurigkeit oder Melancholie oder wie immer man es nennen mag, die ich schon habe so lange ich mich erinnern kann, und die mich immer mal wieder einholt und kurzfristig überrollt, aber auch die krassen Veränderungen in meinem Leben und im Job, und alles zum Negativen.

Ich bin in diesen Job vor inzwischen fast 20 Jahren hineingeraten, als mein Vater schwer erkrankte und einige Zeit später starb. Bis dahin hatte ich mein Abi gemacht, einige Zeit in München halbherzig rumstudiert, hier und da gejobbt, und war dann nach London gezogen. Das war eine meiner wenigen intuitiven Hau-Ruck-Entscheidungen im Leben, und eine der ganz wenigen, die nicht total in die Hose gingen. Es war eine tolle Zeit, mit wenig Geld, aber viel Party und Spaß. Und Liebe. Und Kursen an einer Tourismusschule, und einem Cambridge-Zertifikat in Englisch. Nur, dass ich meine weitere Zukunft nicht dort aufbaute, sondern nach etwas über einem Jahr wieder daheim in der Provinz endete. Ob ich auf die Schnapsidee kam, was mit Tourismus machen zu wollen, oder ob meine Eltern mich einwickelten, ich weiß es tatsächlich nicht mehr. Jedenfalls machte ich eine auf 2 Jahre verkürzte Lehre zur Hotelfachfrau. Und. Habe. Praktisch. Jede. Minute. Davon. Gehasst. Inklusive des Gastronomie-üblichen Mobbings durch schon ausgelernte Kolleginnen und des branchenüblichen Ignorierens von Arbeitszeitenregelungen. Trotzdem zog ich sie durch, mit Einserabschluss.

Warum? Keine Ahnung. Weil ich es immer irgendwie wollte, dass andere Leute mit mir zufrieden waren? Weil ich es allen anderen Recht machen wollte? Weil ich keinen Plan hatte, was ich sonst, stattdessen machen sollte? Weil ich zu feige war für einen harten, klaren Schnitt und einen Neuanfang? Weil ich meine Eltern nicht enttäuschen wollte? Ich weiß es nicht. Vielleicht von allem etwas. Und der geneigte Leser meiner BDSM-Beiträge wird vielleicht rauslesen können, dass devot sein mir da wahrscheinlich auch nicht sehr geholfen hat, so von meiner Grundeinstellung her.

Und jemanden, der die Dinge für mich regelte und mich in die richtige Richtung schubste oder an die Hand nahm, gab es nicht. Den hätte ich wahrscheinlich gebraucht. Ich bin kein Anführer. Ich bin auch kein hirnloser Mitläufer, und kann mich in gehobener Position einbringen, aber der Job des Chefs mitsamt der Verantwortung und der Gespräche und Situationen, wo es hart auf hart kommt, und wo man sich auf die Hinterbeine stellen muss, und ja, eben den “Chef raushängen lassen”, die hasse ich, die kann ich nicht, die machen mir einen Wahnsinns-Stress. Konfliktsituationen, Angestellte tadeln, mein gutes Recht einfordern, auf Stornozahlungen beharren, Leuten sagen, dass das, was sie da tun, mit mir nicht läuft. Ich kriege es hin, aber es kann sein, dass ich vor so einem Gespräch tagelang Gedanken wälze und mich stresse. Ein richtiger Anführertyp sollte das doch locker hinbekommen, und womöglich noch seinen Spaß daran haben, zu “gewinnen”, oder? Meine Sehnsucht nach der Hand, die ich ergreifen kann, begleitet mich schon mein ganzes Erwachsenenleben, während ich stark bin und auch sein muss, und alles für mich regle, und irgendwie immer funktionieren musste, egal was war. Und gerade jetzt muss ich auf den Wahrheitsgehalt hinter “was dich nicht umbringt, macht dich stärker” hoffen.

Seit schon bald 20 Jahren mache ich diesen Job als Selbständige. Ohne BWL-Wissen, oder Studium. Ohne FH. Ohne Weiterbildung nach der Lehre. Dafür war keine Zeit mehr, weil Vaters Krankheit es eben verlangte, ins kalte Wasser zu springen. Ich habe mir alles selber beigebracht, und mir erlesen, was ich so brauchte. Für den Rest habe ich ein gutes Steuerbüro, das einen mittleren Goldbarren im Quartal als Vergütung nimmt, mir dafür aber das Finanzamt vom Leib hält und sich um Einhaltung von Deadlines und die Abschlüsse kümmert.

Rückblickend betrachtet hätte ich damals gleich am Anfang Schluss machen sollen, aber dafür war ich ja zu gutmütig, zu loyal, zu doof, zu unbeweglich, zu ängstlich. Ich habe die letzten fast 20 Jahre wenig gelebt, wenig Spaß gehabt, wenig für mich selbst getan, und immer nur für die anderen funktioniert. Sogar hochschwanger und spätestens 7 Tage nach den Geburten der Kinder habe ich wieder Vollzeit gearbeitet. Durch Schleimbeutelentzündungen in der Hüfte und der Schulter hindurch. Mit Fieber und grippalen Infekten. Immer, eben. Den Luxus, meinen Chef anzurufen und bei Lohnfortzahlung daheim zu bleiben, hatte ich nie. Klar, ich WAR ja der Chef. Selbst und ständig. Für keinen Cent mehr Einkommen, als ich z.B. mit dem Job meiner Besten bei einem großen Versicherer bekommen hätte, aber mit viel weniger Schlaf, fürchterlichen Arbeitszeiten, und dem vollen Risiko.

Tja, und jetzt Corona. Als Selbständige in der Hospitality Industry. Lange Rede, kurzer Sinn, die Buchungen, die ich für März, April, Ostern hatte, sind storniert. Dazu kam seit vielen Tagen nix mehr, und auch für die Feiertagswochenenden im Mai, für Pfingsten, sogar für den Sommer bucht kein Mensch. Nix. Stille. Grillenzirpen. Totale Leere im Buchungskalender, in einer Zeit, wo sonst die Buchungen für Ostern, Mai, Juni, Juli und teils schon später hereinflattern. Weil keiner weiß, wann es wie weitergeht, schon klar. Und seit einer Woche dürfte ich eh nur noch Geschäftsreisende oder Monteure unterbringen, aber keine Urlauber. Urlauber??? Was ist das denn. Und auch Monteure oder Geschäftsreisende gibt es hier gerade nicht.

Die Allermeisten hier haben jetzt halt einfach geschlossen. Wie lange, das weiß keiner. Und wenn es stimmt, dass es durchs Jahr hindurch mehrere Infektionswellen geben wird, ein Hü und Hott zwischen halbwegs normalem Leben und Ausgangsbeschränkungen, dann kann das kein noch so stabil stehendes Geschäft, Laden, Hotel etc auffangen. Ein paar Wochen, oder bis Sommer mit Soforthilfen, ja vielleicht. Bis Jahresende sicher nicht.

Mein Steuerbüro informiert sich zur Zeit über die Regelungen, und dann wird es Kurzarbeitergeld, Anpassungen der Abgaben für Strom, Wasser/Kanal, Müll, und Neuberechnung der Steuervorauszahlungen etc geben.

Aber trotzdem, andere Kosten von der horrend teuren Krankenversicherung über andere Versicherungen über GEMA, KabelTV, und vieles andere läuft ja trotzdem weiter. Noch ist etwas Geld da, aber ewig reicht das nicht mehr, und Hilfen bzw Sofortgeld kann ich erst beantragen, wenn ich pleite bin, soviel ich weiß. Das heißt, selbst das kleine Polster, das ich mir mit vielen Jahren Buckeln mühsam zusammengespart habe, wird draufgehen. Unverschuldet. Na danke. Und wenn der Spaß wirklich bis zum Herbst dauert, dann kann ich auch damit einen kompletten Saisonausfall bei weitem nicht abfedern. Und nur, weil es sich hier niemals um meinen Traumjob gehandelt hat, heißt das nicht, dass ich gerne damit baden gehe.

Wobei ich ja als Zugehörige der Risikogruppe, mit meinem modulierten Immunsystem, witzigerweise gar nicht mit bzw für potentielle Bazillenschleudern arbeiten sollte, wenn es mir endlich wieder erlaubt sein wird, wiederzueröffnen. Infektionsschutzgesetz. Wäre ich angestellt, dann müsste mein Arbeitgeber dafür sorgen, dass ich dort bzw so arbeiten kann, dass ich es nicht mit potentiell infizierten Leuten zu tun bekomme. Ich bin aber selbständig, und deshalb habe ich auch diesbezüglich die Arschkarte und keine Behörde und keine Versicherung und keine IHK und kein Gesundheitsamt fühlt sich ansatzweise verantwortlich für mich. Stellen wir also fest, dass mein Betrieb hopps geht, wenn keine Touristen da sind, und ich eventuell hopps gehe, wenn Touristen da sind. Super, ne? Wann kommt nochmal diese Impfung raus, damit ich halbwegs sorglos arbeiten kann???

In diesem Zusammenhang möchte ich noch sagen, dass mich hämische und selbstgefällige Aussagen von linkslastigen Herrschaften von wegen “unternehmerisches Risiko” und “Arbeitgeber sollte man zu Handlung Xy zwingen für ihre Arbeitnehmer blabla” oder von unserem lieben Vorzeigegrünen vom Dienst Herrn Habeck “sollen die Schließungszeit nutzen, um umweltfreundliche Heizungen einzubauen (!!!??!?)” UNENDLICH wütend machen. Ich bin nicht reich und reiße mir 15 Stunden am Tag und bis zum saisonalen, nächtlichen Heulkrampf vor lauter Erschöpfung den Arsch auf, ihr widerlichen Deppen. Und verliere vielleicht so wie zahllose andere kleine Leute meine Existenz, weil – im Endeffekt – es irgendwelche Idioten am anderen Ende der Welt einfach nicht bleiben lassen konnten, irgendwelches räudiges Wildgetier zu fressen, wovor die WHO seit spätestens SARS immer wieder gewarnt hat, weil das nämlich sprichwörtlich PANDEMIEN AUSLÖSEN KANN, VERFICKT NOCHMAL. Das muss man mal sacken lassen. Butterfly effect für Fortgeschrittene.

Joa, und all das und noch einiges mehr, was den Rahmen des Mimimi aber deutlich sprengen würde, geht mir jeden Tag im Kopf rum und hält mich bis in die Nacht wach, und das ist der Grund, warum ich auf sehr viel Blödsinn, den ich auf Twitter und sonstwo mitbekomme, meist einen klitzekleinen Hauch undiplomatisch reagiere und eine sehr begrenzte Toleranz gegenüber Idioten habe. Vielleicht verständlich. Wenn nicht, dann ist mir das auch wurscht.

Ich werde mir die Zeit, bis es hier mit irgendwas weitergeht, mit Wohnung ausmisten, backen, kochen, gärtnern (bei mir stirbt eigentlich alles außer Orchideen, also wird das interessant), aufräumen, Wände streichen, bloggen, mit den Kindern rausgehen, mich pflegen, und etwas Sport verbringen. Vielleicht schwinge ich mich auf das verhasste Spinningrad vom Ex, oder ich bemühe eine Yoga App. Es besteht nämlich die große Gefahr, dass ich bei Langeweile und Frust fresse, und ich möchte nach der Ausgangssperre noch durch die Türe passen. Eine Sprache lernen per App. Lesen. Versuchen, herauszurechnen und zu brainstormen, inwiefern und ob sich dieser Betrieb noch möglichst kostengünstig führen lässt, und wie ich mit möglichst wenig blauem Auge durchkomme. Und ich werde schlafen, wenn ich kann. So viel wie seit 20 Jahren nicht mehr.

Ich hätte mir nur gewünscht, dass die Freizeit keinen so hohen Preis hätte.

Standard

Das neue Zeitalter? Gedankenspiele.

Ich bin ja generell eher der Typ Mensch, der gerne so informiert ist wie möglich, und der sich sein solides Halbwissen selbst raussucht, erliest und googelt. Ich hasse es, wenn ich über eine Sache, die mich betrifft, sei es eine Diagnose, Behandlung, Regel, Verordnung, oder ein Vorgehen, whatever, nicht Bescheid weiß. Und ich verlasse mich selten bis nie blindlings auf eine Seite, die mich informiert. In Bezug auf Corona habe ich da als Nichtmedizinerin, Nichtvirologin, Nichtzukunftsforscherin, Nichtstatistikerin, Nichtpolitikerin, Nichtphilosophin natürlich ganz schön zu tun. Aber Frau tut, was sie kann.

Ich bin immer wieder sehr erstaunt, wenn ich mitbekomme (momentan zwangsläufig wie wir alle fast nur online, aber bis letztens auch durch den Small Talk auf Distanz mit älteren Nachbarn oder Bekannten, die man zufällig im Supermarkt traf), wie viele Menschen tatsächlich nach wie vor denken, dass diese riesengroße Scheiße, die uns da passiert ist, bis in ein paar Wochen vorbei ist. Ähm, neee, ganz sicher nicht. Das hier soll jetzt keine Dystopie werden. Ich bin eigentlich im tiefsten Inneren ein unerschütterlicher Optimist. Vielleicht einfach nur, weil ich im Leben mitbekommen habe, dass es immer irgendwie weitergehen MUSS. Und man dann die Arschbacken zusammenkneift und sich durchbeißt. It´s not over till the fat lady sings. Es geht immer irgendwie weiter. Die Frage, wenn das alles vorbei ist, wird allerdings eher sein, WIE.

Aber zuerst mal müssen wir Corona in den Griff kriegen. Das kann und muss jeder Einzelne auf der Welt mit verantwortungsvollem Verhalten tun. Das Problem hierbei scheint überall auf der Welt und leider auch (sogar sehr heftig) in Deutschland zu sein, dass es eine ziemlich große Gruppe an Volldeppen gibt. Allen Alters. Wobei die Jüngeren, so die 16- bis 30-Jährigen, anscheinend das größte Problem damit haben, einmal nicht nur an sich zu denken. Beim Fridays for Future- Demonstrieren hat das doch auch geklappt? Aber beim einfach mal mit dem Arsch daheim Bleiben sind sie teils intellektuell überfordert. Das ist etwas, was man im Nachgang beleuchten sollte, um eventuell bei der zukünftigen Kindererziehung nicht dieselben Fehler zu machen, den die Eltern dieser Generation wohl teils gemacht haben.

Ich schreibe diesen Blogbeitrag wohl wissend, dass ich erstens zur Risikogruppe gehöre, und zweitens zu denen, über denen der Insolvenzgeier kreist, sollte der Spaß länger dauern als ein paar Wochen. Und das wird er. Viel länger. Trotzdem bin ich erstaunlicherweise relativ ruhig, habe die Situation für mich akzeptiert nach anfänglicher Verharmlosung, Erstaunen, ansteigender Sorge, Ungläubigkeit ob der Größe des Kackhaufens, der da auf den Ventilator geprallt ist wie der Brite sagt, kurzfristiger Depression. Jetzt ist da stattdessen Akzeptanz der Situation inklusive Suche nach Plan B und C, gemischt mit Ärger über zögerliche Politiker und Coronaparty-Freaks und einem Hauch irrationalem Groll gegen Wildtierfresser.

Aber nun gut, it is what it is, und es hätte uns alle auch bedeutend schlimmer erwischen können. Corona ist nicht schön, und die Berichte und Videos aus Italiens Krankenhäusern sind es noch viel weniger. Aber es ist zwar ziemlich ansteckend, jedoch nur wenig tödlich. Lass das mal ein Virus sein, das für 80% der Bevölkerung tödlich ist und über die Luft übertragen wird, also bedeutend weiter fliegt als 2m. Wir hätten hier ein Szenario wie in Stephen King´s “letztem Gefecht”. Der Drops für unsere Zivilisation wäre für Jahrhunderte gelutscht. Ja, die Überlebenden hätten tonnenweise Klopapier übrig, sofern sie über die stinkenden Leichenberge steigen und es aus den Lagern und Häusern holen würden, aber so gesehen haben wir mit Corona echt noch Schwein gehabt, denn es hat uns global gesehen kalt und schlecht bis nicht vorbereitet erwischt und bringt den überwiegenden Teil von uns trotzdem nicht ins Grab.

Nichtsdestotrotz…die Sache wird dauern. Wer den Virologen wie zB Drosten oder der täglichen PK des RKI, zuhört, wird vielleicht zwischen den Zeilen rausgehört haben, dass die auch von Tag zu Tag etwas gestresster und negativer in ihrem Outlook werden. Ein Statement von Lothar H Wieler, Chef des RKI, von vor 2 Tagen war, dass er sich eine Krise diesen Ausmaßes nie hätte vorstellen können. Ich höre bzw schaue mir solche Podcasts bzw PKs gerne an, weil ich Infos eben gern direkt und nicht von solchen sensationsgeilen Gazetten wie “Welt” oder “BILD” beziehe. Es gibt auch einen ganz hervorragenden Twitter-Account namens @tomaspueyo , ein Silicon Valley Mensch, der in den letzten Tagen zwei brilliante Texte veröffentlicht hat. Zuerst “Why you must act now” und vor kurzem dann “The hammer and the dance”. Ich hab sie auf englisch gelesen, aber ich glaube, man kann auch eine Version in anderen Sprachen finden.

Bis jetzt treffen seine Prognosen und Rechenbeispiele echt super zu, und was er sagt, macht zu 100% Sinn. Der neue Artikel vom Hammer und dem Tanz dreht sich um die verschiedenen Vorgehensweisen verschiedener Länder. Wir sehen ja wie die USA gerade dabei sind, in atemberaubender Geschwindigkeit die Spitze bei den Infektionen einzunehmen und im Chaos zu versinken. Eine Rechnung, die die Ärztin Dr Emily Porter (Schwester der bravourösen Katie Porter, Congresswoman und Twitter-gefeiert seitdem sie einen von Trumps Gesundheitsheinis gekonnt zerlegt hat) in einem Video aufmacht, zeigt, dass wenn es so weitergeht, 1 von 50 Patienten ein Beatmungsgerät kriegt. Die anderen 49 gehen leider leer aus und sterben. Weil nicht mehr Geräte da sind. Ach so, und der glückliche Fünfzigste bezahlt dann für den Rest seines Lebens die Rechnung vom Krankenhaus. GB wird es mit ihrem gebeutelten NHS genauso ergehen, weil die Kehrtwende ihres Dorftrottelpremiers auch viel zu spät kommt.

Die meisten anderen westlichen Länder (von den armen Ländern auf der Welt/ Afrika will ich gar nicht anfangen. Wenn es da losgeht wie im Iran, dann Gnade denen Gott) fahren ja den Social Distancing-Kurs, um das Gesundheitssystem mit entsetztem Blick auf das fürchterlich gebeutelte Italien nicht zu sehr zu überlasten, mit zu vielen Patienten gleichzeitig. Und, weil 80jährige halt auch gerne noch 81 werden würden, wenn die eine oder andere sozialdarwinistische Linke das vielleicht auch anders sehen mag. Mit dieser moralisch und ethisch etwas bedenklichen Auslese alter Leute = Klimawandelferkel sollte man als zivilisierte Gesellschaft etwas vorsichtig sein. (wenn ich auch nicht leugnen möchte, dass ich gewissen älteren Leuten – zB Trump- jede Pest an den Hals wünsche, die ich finden kann). Was anscheinend viele Leute aber nicht auf dem Schirm haben bis dato, ist der Umstand, dass Menschen in Quarantäne, sei sie jetzt selbst auferlegt oder erzwungen, und Menschen, die Social Distancing so betreiben, wie es sein soll, keine Immunität aufbauen können, weil sie sich ja eben nicht anstecken. Um einen Herdenschutz irgendwann mal hoffentlich gewährleisten zu können, müssen sich aber ca 70% der Deutschen angesteckt haben, ob sie es asymptomatisch durchmachen oder nicht. Man will nur nicht, dass das zu schnell geht, sonst stapeln sich die Kranken in den Kliniken.

Das heißt dann aber, dass wenn Ausgangssperren, Verordnungen, Social Distancing Regeln o.ä. wieder gelockert werden – damit die Wirtschaft nicht noch schlimmer abkackt as jetzt schon, und damit wieder eine gewisse Normalität einkehren kann für die Daheimhocker – die Infektionszahlen automatisch wieder steigen. Weil das Virus noch da ist und die Leute ja weder geimpft noch immun sind. Die folgenden Monate bis der Herdenschutz hoffentlich greift, oder die Zeit bis zu einem wirksamen Impfstoff für alle werden folglich eine Wellenbewegung von frei – lockdown, frei – lockdown, frei – lockdown. Immer, wenn es unter Kontrolle ist, gibt es mehr Freiheiten und Sozialkontakte, und immer wenn die Zahlen wieder ansteigen, muss man auf die Bremse steigen. Wie fest, wird wohl abhängig von den Zahlen sein, und davon, wie viele schnellere Tests man bis dahin machen kann und wie gut das Gesundheitssystem inzwischen eingespielt und ausgebaut ist, und wie es mit der Situation klarkommt.

Also, die Aussicht, dass ich es wahrscheinlich früher oder später auch aufschnappe (weil 70%) , oder meine Mum mit ihrem Alter und ihren Vorerkrankungen, macht mich nicht froh. Eine rechtzeitige Impfung wäre mir lieber. Aber das Leben ist kein Ponyhof. Der worst case wäre wohl entweder, dass die Sache mit der wirksamen Impfung einfach nicht klappen will, oder dass die Leute, die es schon hatten, es trotzdem nochmal kriegen und wir so niemals eine Herdenimmunität zusammenbekommen, oder dass das Mistding mutiert in eine noch wesentlich unangenehmere Version und unser fast fertiger Impfstoff dagegen leider gar nix ausrichtet, und uns die neue Variante fertigmacht. Aber wir wollen ja nicht schwarzmalen, und einfach hoffen, dass es bis Ende 2020 entweder eine Impfung oder ein wirsames antivirales Mittel gibt. Fingers crossed.

Ich hätte ja echt gut meine paar Jahrzehnte auf diesem Planeten rumbringen können ohne dieses Szenario einer Pandemie, die das Potential hat, die Welt in ein Zeitalter davor und eines danach einzuteilen. Denn ich glaube nicht, dass es nochmal so wird wie zuvor, wenn das Gröbste mal vorbei ist. Nicht nur, weil die Wirtschaft schwer angeschlagen ist von den vielen wochenlangen Vollbremsungen und den vielen Milliarden an Hilfszahlungen für die vielen Leute, die ihre Jobs, ihre Betriebe, ihre Existenzen verlieren werden in den nächsten Wochen bis Monaten. Es wird viele gesellschaftliche, wirtschaftliche, politische, soziale und psychologische Baustellen geben.

Es gibt viele Leute, denen das Social Distancing auf vielfältige Weise gar nicht gut tut. Und das jenseits des Problems, dass man beim wochenlangen Rumhocken daheim dazu neigt, aus Langeweile zu fressen, und einige Kilos mehr draufpackt als gut ist. Ältere Leute vereinsamen vielleicht noch mehr, psychisch Kranke, denen der Alltag und die Routine weggebrochen sind, auch. Depressiven tut sowas auch nicht gut. Leute, die eh schon überängstlich sind, kriegen durch die Coronaberichterstattung die Krise. Paare, die sowieso schon Konflikte haben, schlagen sich womöglich an Tag 12 die Köpfe ein. Kinder aus Problemfamilien, die in der Ganztagsschule weit weg von ihrer asozialen Sippe wesentlich besser aufgehoben sind und dort auch ordentliche Mahlzeiten bekommen, sind momentan und dann immer wieder mit ihren räudigen Eltern zusammen eingesperrt, und bekommen wahrscheinlich nix zu essen, aber Schläge. Das alles kann noch heiter werden.

Und ich sehe eine große Gefahr darin, wenn die Leute unzufrieden würden – vielleicht weil irgendwelche Maßnahmen nicht greifen, oder wenn es nicht genug Soforthilfe gibt, oder wenn doch Klopapier ausgeht oder die Grundversorgung doch nicht so reibungslos aufrecht erhalten werden kann, dass jeder nach wie vor alle Waren bekommt, oder wenn die Situation einfach zu lange dauert und man mürbe wird – und die Politiker der großen Parteien das verpennen und/oder Vogel Strauß spielen würden. Das tun sie ja gerne mal. Dann würden die Extremisten aller Arten Oberwasser kriegen. Und das wäre unschön. Noch ist alles fein. Seit Corona gibt es im rechten Lager eine merkwürdige Stille. Als wüssten sie nicht, was sie sagen sollen. Nicht mal mausgerutscht wird. Merkel wird für ihre besonnene Art gelobt und Söder hat traumhafte Zustimmungswerte, aber das kann sich schnell ändern. Wobei man immer im Hinterkopf behalten sollte, dass die alle nur auf 5m Sicht durch den Nebel steuern. Sowas wie Corona war noch nie da, und man sollte ihnen etwas Geduld und Wohlwollen entgegenbringen. Die Scheiße hat niemand von ihnen verursacht und wollte auch keiner haben.

Dass der Staat, die öffentliche Ordnung, die Grundversorgung bis in ein paar Wochen oder Monaten komplett zusammenbrechen und wir ohne Strom und fließend Wasser bei Faustrecht im Mittelalter hocken, das glaube ich nicht. Aber es werden sich wahrscheinlich viele Dinge ändern. Und viele Dinge MÜSSEN sich vielleicht auch endlich ändern. Jetzt, wo es international schmerzlich klar wird, dass es keine gute Idee war, das Gesundheitssystem und die Kliniken zu Tode zu sparen, und zur Wirtschaftlichkeit zu zwingen anstatt zur bestmöglichen Versorgung, muss sich viel ändern. Der soziale und gesellschaftliche Gedanke, in der Not füreinander da zu sein anstatt das egoistische, rücksichtslose Arschloch zu geben, muss sich durchsetzen. Man muss die plötzliche Erkenntnis seit ein paar Wochen, dass Globalisierung ziemlich problematisch sein kann, hinterher umsetzen, und wieder dazu übergehen, hier zu lagern und zu produzieren. Ob das jetzt Autoteile oder Medikamente sind. Wenn die aus Asien importiert werden müssen, weil es da so schön billig ist zu produzieren juchu, dann kann es halt sein, dass bei der nächsten gefressenen Fledermaus monatelang kein Nachschub mehr kommt. Und in der EU muss man sich SEHR GUT überlegen, ob diese Gemeinschaft noch Sinn macht oder ob sie nur eine schnelle Aktion bzw Reaktion auf Notfälle behindert und untergräbt, zB bei Landerechten oder Grenzschließungen. Und man wird sich auch SEHR GUT überlegen müssen, wen man eigentlich noch im Club haben will. Ungarn gehört wegen offener Demokratiefeindlichkeit und Weigerung, Geflüchtete aufzunehmen schon seit Jahren rausgeschmissen, und allerspätestens seit heute sollten auch Tschechien und Polen hochkant rausfliegen. Wer ein solch asoziales Arschloch ist, Konvoys mit Hilfslieferungen von Masken und Beatmungsgeräten von China an Italien aufzuhalten und einfach zu beschlagnahmen – zu stehlen – der hat in der EU nichts zu suchen. Wir müssen diese Gemeinschaft neu aufstellen, wenn sie noch zu was gut sein soll. Und die, die nur zum Geld einsacken und Masken klauen drin sind, müssen nen Arschttritt bekommen.

Vielleicht muss man auch national seine Ansprüche kollektiv etwas herunterfahren. Downsizen. Kleinere Brötchen backen. Weniger Urlaub machen. Weniger Scheiße kaufen. Wieder mehr regional einkaufen und kochen. Das Home Office beibehalten, wo es geht. Weniger fliegen. Tut auch der Umwelt gut. Nicht mehr immer nur mehrmehrmehr wollen. Die Dinge, die sich in der Krise als erstaunlich gute Alternative im Leben und im Job erwiesen, beibehalten. Bei den Dingen, die nicht funktioniert haben, nachjustieren. Dabei den Föderalismus in Deutschland kritisch hinterfragen und ggf in Teilen abändern. Und diese “Globalisierung ums Verrecken” zu den Akten legen. Vielleicht kann man das Gefühl mit back to the Eighties umschreiben? nur ohne kalten Krieg, und dafür mit schnellem Internet. 😉

Wobei….ich kann mich dunkel an meine Kindheit erinnern, wo es weder Internet noch Handys gab. Und 5 Programme im TV. Und es war schön. Und ich glaube nicht, dass wir damals blöder waren als die heutigen Kinder. Ich finde Google immens praktisch, wenn mich mein schlechtes Gedächtnis oder mein Halbwissen alle 5 Minuten verlassen. Und Amazon auch sehr bequem. Und ja, ich bin gern und viel auf Twitter unterwegs. Aber trotzdem, das Internet und Social Media sind ein zweischneidiges Schwert, und ich bin mir manchmal nicht sicher, ob das Negative daran nicht überwiegt. Vielleicht sollten wir auch unsere Abhängigkeit davon herunterschrauben und wieder lernen, wie man einen Holzofen anheizt ohne zu ersticken (sorry Kachelmann) , oder wie man selbst Gemüse anbaut, anstatt stundenlang online rumzuhängen und sich von “Bubble” zu “Bubble” (die da draußen im echten Leben sowieso keine Sau interessieren) zu bekriegen. Und das tun, was man “entschleunigen” nennt. Vielleicht kapieren wir das ja, wenn wir erst mal sehen, dass die Welt auch mit Corona nicht untergeht, und wir auch diverse Lockdowns überleben, ohne deshalb zu verhungern oder durch sofortige Staatspleite in der Pappschachtel enden. Was dich nicht umbringt, macht dich stärker, nicht wahr?

Und wenn wir schon dabei sind, dass wir uns um die Schwächeren oder Alten in unserer Gesellschaft gekümmert haben in der Krise, und dem Pflegepersonal applaudiert, und uns nach sozialen Kontakten gesehnt während der langen, wiederkehrenden Wochen der Isolation, dann sollten wir das hinterher nicht gleich wieder vergessen, sondern es beibehalten.

Die Hoffung habe ich, in all der momentanen Scheiße. Aber ich bin ja auch unerträglich optimistisch bis zuletzt 😉

Standard