Corona und Co.

Das wird jetzt mal ein Eintrag aus geballtem Mimimi, und es fällt mir tatsächlich gerade zeitweise ziemlich schwer, nicht in Selbstmitleid auf der Couch zu versacken.

Vor ein paar Tagen habe ich die erste der beiden alten Rattendamen tot im Käfig gefunden. Es ging ihr schon länger nicht mehr so gut, sie hatte in immer kürzeren Abständen sowas wie Schwächeanfälle, wohl auch arge Rückenschmerzen, einen Bumblefoot, den wir jeden Tag behandeln mussten, und man merkte, dass ihr einfach allmählich die Puste ausging. Nachmittags haben wir sie beerdigt. Jetzt ist nur noch ihre letzte Schwester übrig, um die wir uns jetzt umso mehr kümmern müssen, weil sie kein Rudel mehr hat, und ich bezweifle, ob eine Vergesellschaftung mit den anderen klappen wird. Ich glaube, nach diesen zwei Rudeln, dem kleinen alten, und dem noch jüngeren, neueren, war es das für mich mit Ratten. Ich schaffe es seelisch einfach nicht, gefühlt alle 2 Monate ein geliebtes Haustier zu Grabe zu tragen. Wir haben alle geheult wie die Schlosshunde, sogar der Ex. Ich kann mit Sterben und Tod erwiesenermaßen sowieso nicht umgehen, und das ist mir alles zu viel. Und es ist nur die Spitze des Eisberges, unter dem ich mich gerade befinde.

Auch der plötzliche Tod meines letzten Herrn Ende Januar geht mir immer noch im Kopf rum, zumindest wenn ich durch meine WA Chats scrolle, und den einen grauen Haken sehe. Und das triggert altbekannte Denkmuster von wegen Verlustängste, Unsicherheiten, Schwarzmalerei etc, die ich aktiv unterdrücken muss, weil sie dem jetzigen Herrn gegenüber sinnlos und unangebracht sind.

Ich vermisse meinen Herrn, verdammt nochmal, und kann ihn doch nicht sehen. Weiß nicht, wie lange das so bleibt. Es könnten auch noch viele viele Wochen sein. Kommt ganz auf Corona an, und darauf, wann endlich Tests für alle gemacht werden können, und zwar schnell und ohne dass man das nochmal Tage später nachtesten muss. Die Angst, dass unsere noch ziemlich frische Beziehung mit erst ein paar Treffen bis jetzt, durch all die Belastungen und Sorgen von wegen Corona gepaart mit der räumlichen Distanz leiden könnte, macht mich echt fertig. Auch, wenn es keinen Pieps in diese Richtung gab bis dato. Ich mache mir trotzdem Sorgen, freue mich über jede Nachricht und jedes Gespräch, überlege mir, was ich schreibe, will nicht nerven oder lästig sein, will nicht sexuell needy rüberkommen in einer Zeit, wo man wahrscheinlich anderes im Kopf zu haben hat, obwohl die Sub in mir hintergründig immer dringend rauswill. Bin ganz erwachsen und vernünftig, und will doch eigentlich nur eine Umarmung und eine kurze Verschnaufpause, an meinen “Felsen” gelehnt. Mich ausheulen können. Einen Kuss auf den Scheitel, ein “alles wird gut”. Auch, wenn es beschönigt, blind, oder schlicht gelogen wäre. Ich nähme alles. Auch wenn ich weiß, dass das halt nicht geht. Und, dass er sich auch große Sorgen macht, wie die Welt sich verändern wird durch diesen Clusterfuck.

Die Sorge, dass ich mich oder jemand, den ich kenne oder mag sich mit Corona infiziert, ist auch nicht ohne. Jede Andeutung einer Erkältung betrachte ich argwöhnischst. Und ich habe ein sehr mulmiges Gefühl, wenn ich doch alle 7 bis 10 Tage mal für Salat&Co in den Supermarkt muss. Ich kenne die Videos aus Italien. Die armen Menschen. Schöner Dreck.

Eine weitere große Baustelle ist meine Mum, bei der es absehbar ist, dass sie es auch nicht mehr ewig macht. Sie ist in den letzten Jahren wirklich “alt” geworden, und körperlich wie geistig unflexibel, und schafft auch keinen ausgedehnteren Bummel durch irgendeine Innenstadt, oder eine kleine 2-Stunden-Wanderung um einen See mehr. Redet und denkt wie eine alte Frau, nicht wie jemand, der jung geblieben ist im Geist. Hat diverse körperliche Gebrechen, nimmt diverse Medis, und obwohl wir sehr verschieden sind und oft genug von unserer Einstellung zu den Dingen und unserer Denke her aneinander geraten, bekomme ich regelrecht innerliche Panik, wenn ich daran denke, dass sie irgendwann nicht mehr da sein wird, und ich dann de facto allein hier sein werde, bis auf die Kinder. Und Corona macht es momentan echt nicht besser. Sie gehört zur Premiumklientel für das Virus. Der Ex ist da, ja, aber der wird irgendwann wegfallen falls er zurück in die Heimat geht, wenn die Kinder alt genug sind. Und er ist ja der Ex, schließlich. Und dem jetzigen Herrn, auch wenn wir forever after zusammenbleiben würden, würde ich mich bzw meine persönliche Last nicht aufhalsen wollen. Ich habe immer alles mit mir allein ausgemacht. Dieses Mal habe ich allerdings tatsächlich Angst.

Da kommt viel zusammen. Das zumindest zur Zeit wochenlange Alleinsein – Corona sei Dank – das Vermissen, die Verantwortung für alles hier, die generelle Traurigkeit oder Melancholie oder wie immer man es nennen mag, die ich schon habe so lange ich mich erinnern kann, und die mich immer mal wieder einholt und kurzfristig überrollt, aber auch die krassen Veränderungen in meinem Leben und im Job, und alles zum Negativen.

Ich bin in diesen Job vor inzwischen fast 20 Jahren hineingeraten, als mein Vater schwer erkrankte und einige Zeit später starb. Bis dahin hatte ich mein Abi gemacht, einige Zeit in München halbherzig rumstudiert, hier und da gejobbt, und war dann nach London gezogen. Das war eine meiner wenigen intuitiven Hau-Ruck-Entscheidungen im Leben, und eine der ganz wenigen, die nicht total in die Hose gingen. Es war eine tolle Zeit, mit wenig Geld, aber viel Party und Spaß. Und Liebe. Und Kursen an einer Tourismusschule, und einem Cambridge-Zertifikat in Englisch. Nur, dass ich meine weitere Zukunft nicht dort aufbaute, sondern nach etwas über einem Jahr wieder daheim in der Provinz endete. Ob ich auf die Schnapsidee kam, was mit Tourismus machen zu wollen, oder ob meine Eltern mich einwickelten, ich weiß es tatsächlich nicht mehr. Jedenfalls machte ich eine auf 2 Jahre verkürzte Lehre zur Hotelfachfrau. Und. Habe. Praktisch. Jede. Minute. Davon. Gehasst. Inklusive des Gastronomie-üblichen Mobbings durch schon ausgelernte Kolleginnen und des branchenüblichen Ignorierens von Arbeitszeitenregelungen. Trotzdem zog ich sie durch, mit Einserabschluss.

Warum? Keine Ahnung. Weil ich es immer irgendwie wollte, dass andere Leute mit mir zufrieden waren? Weil ich es allen anderen Recht machen wollte? Weil ich keinen Plan hatte, was ich sonst, stattdessen machen sollte? Weil ich zu feige war für einen harten, klaren Schnitt und einen Neuanfang? Weil ich meine Eltern nicht enttäuschen wollte? Ich weiß es nicht. Vielleicht von allem etwas. Und der geneigte Leser meiner BDSM-Beiträge wird vielleicht rauslesen können, dass devot sein mir da wahrscheinlich auch nicht sehr geholfen hat, so von meiner Grundeinstellung her.

Und jemanden, der die Dinge für mich regelte und mich in die richtige Richtung schubste oder an die Hand nahm, gab es nicht. Den hätte ich wahrscheinlich gebraucht. Ich bin kein Anführer. Ich bin auch kein hirnloser Mitläufer, und kann mich in gehobener Position einbringen, aber der Job des Chefs mitsamt der Verantwortung und der Gespräche und Situationen, wo es hart auf hart kommt, und wo man sich auf die Hinterbeine stellen muss, und ja, eben den “Chef raushängen lassen”, die hasse ich, die kann ich nicht, die machen mir einen Wahnsinns-Stress. Konfliktsituationen, Angestellte tadeln, mein gutes Recht einfordern, auf Stornozahlungen beharren, Leuten sagen, dass das, was sie da tun, mit mir nicht läuft. Ich kriege es hin, aber es kann sein, dass ich vor so einem Gespräch tagelang Gedanken wälze und mich stresse. Ein richtiger Anführertyp sollte das doch locker hinbekommen, und womöglich noch seinen Spaß daran haben, zu “gewinnen”, oder? Meine Sehnsucht nach der Hand, die ich ergreifen kann, begleitet mich schon mein ganzes Erwachsenenleben, während ich stark bin und auch sein muss, und alles für mich regle, und irgendwie immer funktionieren musste, egal was war. Und gerade jetzt muss ich auf den Wahrheitsgehalt hinter “was dich nicht umbringt, macht dich stärker” hoffen.

Seit schon bald 20 Jahren mache ich diesen Job als Selbständige. Ohne BWL-Wissen, oder Studium. Ohne FH. Ohne Weiterbildung nach der Lehre. Dafür war keine Zeit mehr, weil Vaters Krankheit es eben verlangte, ins kalte Wasser zu springen. Ich habe mir alles selber beigebracht, und mir erlesen, was ich so brauchte. Für den Rest habe ich ein gutes Steuerbüro, das einen mittleren Goldbarren im Quartal als Vergütung nimmt, mir dafür aber das Finanzamt vom Leib hält und sich um Einhaltung von Deadlines und die Abschlüsse kümmert.

Rückblickend betrachtet hätte ich damals gleich am Anfang Schluss machen sollen, aber dafür war ich ja zu gutmütig, zu loyal, zu doof, zu unbeweglich, zu ängstlich. Ich habe die letzten fast 20 Jahre wenig gelebt, wenig Spaß gehabt, wenig für mich selbst getan, und immer nur für die anderen funktioniert. Sogar hochschwanger und spätestens 7 Tage nach den Geburten der Kinder habe ich wieder Vollzeit gearbeitet. Durch Schleimbeutelentzündungen in der Hüfte und der Schulter hindurch. Mit Fieber und grippalen Infekten. Immer, eben. Den Luxus, meinen Chef anzurufen und bei Lohnfortzahlung daheim zu bleiben, hatte ich nie. Klar, ich WAR ja der Chef. Selbst und ständig. Für keinen Cent mehr Einkommen, als ich z.B. mit dem Job meiner Besten bei einem großen Versicherer bekommen hätte, aber mit viel weniger Schlaf, fürchterlichen Arbeitszeiten, und dem vollen Risiko.

Tja, und jetzt Corona. Als Selbständige in der Hospitality Industry. Lange Rede, kurzer Sinn, die Buchungen, die ich für März, April, Ostern hatte, sind storniert. Dazu kam seit vielen Tagen nix mehr, und auch für die Feiertagswochenenden im Mai, für Pfingsten, sogar für den Sommer bucht kein Mensch. Nix. Stille. Grillenzirpen. Totale Leere im Buchungskalender, in einer Zeit, wo sonst die Buchungen für Ostern, Mai, Juni, Juli und teils schon später hereinflattern. Weil keiner weiß, wann es wie weitergeht, schon klar. Und seit einer Woche dürfte ich eh nur noch Geschäftsreisende oder Monteure unterbringen, aber keine Urlauber. Urlauber??? Was ist das denn. Und auch Monteure oder Geschäftsreisende gibt es hier gerade nicht.

Die Allermeisten hier haben jetzt halt einfach geschlossen. Wie lange, das weiß keiner. Und wenn es stimmt, dass es durchs Jahr hindurch mehrere Infektionswellen geben wird, ein Hü und Hott zwischen halbwegs normalem Leben und Ausgangsbeschränkungen, dann kann das kein noch so stabil stehendes Geschäft, Laden, Hotel etc auffangen. Ein paar Wochen, oder bis Sommer mit Soforthilfen, ja vielleicht. Bis Jahresende sicher nicht.

Mein Steuerbüro informiert sich zur Zeit über die Regelungen, und dann wird es Kurzarbeitergeld, Anpassungen der Abgaben für Strom, Wasser/Kanal, Müll, und Neuberechnung der Steuervorauszahlungen etc geben.

Aber trotzdem, andere Kosten von der horrend teuren Krankenversicherung über andere Versicherungen über GEMA, KabelTV, und vieles andere läuft ja trotzdem weiter. Noch ist etwas Geld da, aber ewig reicht das nicht mehr, und Hilfen bzw Sofortgeld kann ich erst beantragen, wenn ich pleite bin, soviel ich weiß. Das heißt, selbst das kleine Polster, das ich mir mit vielen Jahren Buckeln mühsam zusammengespart habe, wird draufgehen. Unverschuldet. Na danke. Und wenn der Spaß wirklich bis zum Herbst dauert, dann kann ich auch damit einen kompletten Saisonausfall bei weitem nicht abfedern. Und nur, weil es sich hier niemals um meinen Traumjob gehandelt hat, heißt das nicht, dass ich gerne damit baden gehe.

Wobei ich ja als Zugehörige der Risikogruppe, mit meinem modulierten Immunsystem, witzigerweise gar nicht mit bzw für potentielle Bazillenschleudern arbeiten sollte, wenn es mir endlich wieder erlaubt sein wird, wiederzueröffnen. Infektionsschutzgesetz. Wäre ich angestellt, dann müsste mein Arbeitgeber dafür sorgen, dass ich dort bzw so arbeiten kann, dass ich es nicht mit potentiell infizierten Leuten zu tun bekomme. Ich bin aber selbständig, und deshalb habe ich auch diesbezüglich die Arschkarte und keine Behörde und keine Versicherung und keine IHK und kein Gesundheitsamt fühlt sich ansatzweise verantwortlich für mich. Stellen wir also fest, dass mein Betrieb hopps geht, wenn keine Touristen da sind, und ich eventuell hopps gehe, wenn Touristen da sind. Super, ne? Wann kommt nochmal diese Impfung raus, damit ich halbwegs sorglos arbeiten kann???

In diesem Zusammenhang möchte ich noch sagen, dass mich hämische und selbstgefällige Aussagen von linkslastigen Herrschaften von wegen “unternehmerisches Risiko” und “Arbeitgeber sollte man zu Handlung Xy zwingen für ihre Arbeitnehmer blabla” oder von unserem lieben Vorzeigegrünen vom Dienst Herrn Habeck “sollen die Schließungszeit nutzen, um umweltfreundliche Heizungen einzubauen (!!!??!?)” UNENDLICH wütend machen. Ich bin nicht reich und reiße mir 15 Stunden am Tag und bis zum saisonalen, nächtlichen Heulkrampf vor lauter Erschöpfung den Arsch auf, ihr widerlichen Deppen. Und verliere vielleicht so wie zahllose andere kleine Leute meine Existenz, weil – im Endeffekt – es irgendwelche Idioten am anderen Ende der Welt einfach nicht bleiben lassen konnten, irgendwelches räudiges Wildgetier zu fressen, wovor die WHO seit spätestens SARS immer wieder gewarnt hat, weil das nämlich sprichwörtlich PANDEMIEN AUSLÖSEN KANN, VERFICKT NOCHMAL. Das muss man mal sacken lassen. Butterfly effect für Fortgeschrittene.

Joa, und all das und noch einiges mehr, was den Rahmen des Mimimi aber deutlich sprengen würde, geht mir jeden Tag im Kopf rum und hält mich bis in die Nacht wach, und das ist der Grund, warum ich auf sehr viel Blödsinn, den ich auf Twitter und sonstwo mitbekomme, meist einen klitzekleinen Hauch undiplomatisch reagiere und eine sehr begrenzte Toleranz gegenüber Idioten habe. Vielleicht verständlich. Wenn nicht, dann ist mir das auch wurscht.

Ich werde mir die Zeit, bis es hier mit irgendwas weitergeht, mit Wohnung ausmisten, backen, kochen, gärtnern (bei mir stirbt eigentlich alles außer Orchideen, also wird das interessant), aufräumen, Wände streichen, bloggen, mit den Kindern rausgehen, mich pflegen, und etwas Sport verbringen. Vielleicht schwinge ich mich auf das verhasste Spinningrad vom Ex, oder ich bemühe eine Yoga App. Es besteht nämlich die große Gefahr, dass ich bei Langeweile und Frust fresse, und ich möchte nach der Ausgangssperre noch durch die Türe passen. Eine Sprache lernen per App. Lesen. Versuchen, herauszurechnen und zu brainstormen, inwiefern und ob sich dieser Betrieb noch möglichst kostengünstig führen lässt, und wie ich mit möglichst wenig blauem Auge durchkomme. Und ich werde schlafen, wenn ich kann. So viel wie seit 20 Jahren nicht mehr.

Ich hätte mir nur gewünscht, dass die Freizeit keinen so hohen Preis hätte.

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