Schubladen

Ich bin da in letzter Zeit über so viele Aussagen zum Thema gestolpert, die mich verdutzt bis doch teilweise ziemlich angesäuert zurückgelassen haben, dass ich mir dachte – auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen – schreibste nochmal was dazu. Und ja, es handelt sich um meine Privatmeinung und ja, jeder soll seines eigenen Glückes Schmied sein im BDSM……..aber…. Nun, ich finde schon, dass es einfach ein paar wenige feste Größen gibt bzw geben sollte. Vor allem, seit Vieles so verwässert wurde unter dem Einfluss eines Heeres an Crossover-Swingern und zumeist jungen kinky Vanillas, die durch FSoG reingespült wurden, jetzt kräftig mitmischen, und zumindest auf Twitter oft genug das Ruder an sich reißen und sich für die neuen Lichtbringer und Erfinder des Rades halten.

Es gab immer, und gibt immer noch ein paar Begriffe im BDSM, an denen man sich orientieren kann, vor allem wenn man neu ist, und die zumindest für mich so unveränderlich feststehen wie mathematische Größen. Nach wie vor. Ich meine, ja es kann sein, dass Einstein sich fies verrechnet hat, oder nach 3000 Jahren herauskommt, dass bei irgendeinem alten Griechen doch der Wurm drin war, aber wahrscheinlich ist er das nicht, und so allgemein kann man schon davon ausgehen, dass bestimmte Dinge feststehen. Ahh, das klingt nach Schubladisierung, oh wie furchtbar!!1!!11

Nun ja. Ich mag Schubladen grundsätzlich gar nicht so ungern. Sie sind praktisch und machen es möglich, die Dinge zu benennen, und in “mag ich – mag ich nicht” einzuteilen. Sie erleichtern einem die Suche, die Identifikation seiner selbst und des Gegenübers, und geben Struktur. Auf Twitter wettern immer alle gegen Schubladendenken. Ich gebe zu, dass ich das bis zu einem bestimmten Grad für mich brauche, weil meine Welt Struktur haben muss. Beständigkeit, Verlässlichkeit, Definitionen, Regeln. Ein Gerüst. Wenn alles vogelwild durcheinander geht, und manche Leute ihre Identität, ihr Geschlecht, ihre Vorlieben, ihre Einstellung den Dingen gegenüber wechseln wie andere Leute die Unterwäsche, dann tu ich mich damit schwer. Sehr. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum ich noch nie etwas mit einem Switcher angefangen habe, und das wahrscheinlich auch nie werde. Die von mir gefühlte Gegensätzlichkeit und Unbeständigkeit der Persönlichkeit, den für mich existenten Bruch in der Dominanz, selbst wenn es einer anderen Person gegenüber wäre, könnte ich nicht ertragen. Mal abgesehen davon, dass ich einen Herrn definitiv nicht mit anderen Leuten teilen würde, für die er plötzlich sub wäre. Mein Kopf würde wahrscheinlich explodieren oder sowas.

Und ich bin ehrlichgesagt auch etwas angenervt darüber, wie viele Leute sich mit Federn schmücken, die ihnen offen gesagt einfach nicht zustehen. Jede eineinhalbste kinky Vanillafrau, die mal mit dem Federpuschel vom eis versohlt worden ist, nennt sich heute sub. Nicht, weil sie es im Herzen wirklich ist, sondern, weil das so kinky erscheint. Oder, noch besser, “Sklavin”. Sweety, you have no idea. Man sagt, man sei Lifestyler, dabei weiß man nichts darüber, außer, dass man sich cool vorkommt und voll VIP. Man spuckt große Töne, was für ein domly Dom vom Dienst man doch ist, meint aber damit, dass man halt gerne härter fickt. Man trägt Halsband, weil das hübsch ist, ohne zu wissen, was die Bedeutung ist, und ohne diese auch nur ansatzweise zu honorieren.

Sorry, aber….damit kann ich tatsächlich nix anfangen.

Da kommen dann so Sachen dabei raus wie “casual D/s”. I hate to be the spoilsport, aber “casual” und “D/s” sind zwei Dinge, die sich gegenseitig ausschließen. D/s ist IMMER da, wenn auch nicht immer präsent im Vordergrund, und nicht nur, wenn man gerade Lust auf ein Spielhalsband oder eine Session hat. Es ist eine Lebenseinstellung, die zwei Menschen miteinander teilen, und kein Spiel. Es beinhaltet weit mehr als zu einer bestimmten Zeit oder für einen bestimmten Zeitraum mit jemandem zu spielen und da halt submissiv zu sein. Das ist alles wunderbar, aber das sind Spielbeziehungen, und das ist einfach eine andere Kategorie. Schublade. Im einfachsten Fall nennen böse Zungen sowas “Schlafzimmersubmissivität”. Im Alltag ist da nix, und wenn man sich trifft, oder halt Sex hat, dann ist für diese Zeit Gefälle angesagt. (ja ich habs gesagt, das böse Wort)

D/s beinhaltet eine tiefe, emotionale Bindung zu einer anderen Person, der man IMMER dient. D/s braucht ein Gefälle, das immer da ist. Auch im Alltag. Auch um 5 Uhr morgens. Auch im Urlaub mit den Kindern oder der Freundin. D/s betreibt man nicht mit random Leuten, die auswechselbar sind. Und normalerweise beinhaltet es auch Regeln. Was nicht heißen muss, dass man die nicht dem Alltag anpassen könnte bzw müsste, wenn die Sache über längere Zeit klappen soll zumindest. Es geht auch nicht darum, ob man viele Regeln hat oder wenig, ob man dauerknien soll oder ob man Du oder Sie sagt. Alles ist Verhandlungssache. Und Geschmackssache. Aber man schaltet so eine Dynamik nicht einfach mal kurz an und aus wie es einem passt, sonst geht sie kaputt.

Und D/s kann meiner Meinung nach auch nicht mit mehreren Personen parallel klappen. Vielleicht noch so herum, dass ein/e Dom zwei oder mehr subs hat, und jede davon bekommt ihr maßgeschneidertes Gefälle und ihr maßgeschneidertes D/s. Ich bin definitiv kein Fan von poly, aber so herum macht es noch halbwegs Sinn. Wer es ertragen kann, dass sein/e Dom noch andere subs hat, bitte sehr. Andersrum, also mit einer/m sub mit mehr als einem/einer Dom, macht es allerdings überhaupt keinen Sinn und ist für mich auch nicht funktionsfähig.

Es kann nur einen Oberboss geben, nur einen Chefkoch, nur einen Anführer. Einer muss Primus sein. Was mach ich denn als sub, wenn Herr A mich glatt will und Herr B mit Schambehaarung? Was mach ich denn, wenn Herr A mich verleihen will und Herrn B das ganz furchtbar findet? Was mach ich denn, wenn Herr A Intimpiercings liebt und mir welche verpassen will und Herr B die total scheußlich findet? Was mach ich denn, wenn Herr A mir 5 Orgasmen samt Audiobeweis aufträgt und Herr B mir erst gestern zwei Wochen Wichsverbot gegeben hat? Kann man das Problem erkennen, ja? (Mal abgesehen vom emotionalen Aspekt, und der Tatsache, dass zu viele Köche nunmal den Brei verderben)

Und das bedeutet, dass entweder Herr A oder Herr B die Oberhand haben muss. Und in dem Moment ist der dann der Herr, und der andere hat sich nach seinen Vorgaben zu richten. Was dann automatisch bedeutet, dass mit dem kein D/s funktioniert, da er nur ein geduldeter Spielpartner innerhalb eines vorgegebenen Rahmens ist, oder ein Erfüllungsgehilfe für MMf oder ne Party vielleicht. D/s als Beziehungsmodell kann ich in so einem Gefüge auch nur und ausschließlich mit einem Dom sehen, und zwar mit dem Ranghöchsten. Der muss dann meine emotionale, tiefe Beziehung sein und nur dem gehört meine Hingabe, meine Loyalität, mein Körper. Und nur dessen Halsband trage ich. Das ist ja auch sowas. Drei Doms, drei Day Collars? Das wird aber eng und schwer am Hals. 😉

Ach ja. Halsband. Ja, das ist kleidsam und schick und kinky. Und man könnte sich schier zu Tode shoppen bei der Auswahl an Styles und Farben und Breiten und Materialien und Mustern, die es gibt. (und ich bin doch so eine Halsband- und Leinenfetischistin) Aber wichtig ist doch die Aussage, die Bedeutung dahinter. Klar kann ich für ne Session mit einem Spielpartner ein Halsband anziehen. Das zeigt dann meine Rolle an. Und macht uns heiß. Aber für Lifestyler ist das Teil mehr als ein sexy Kleidungsstück. Es zeigt an, dass man Eigentum ist. Dass man jemandem mit Haut und Haaren gehört, und das auch will. Dass die Sache – hoffentlich – wirklich was bedeutet. Immer, auch wenn man gerade nicht zusammen ist. Dass da ein Gefälle ist. Dass da einer ist, der im Hintergrund die Fäden zieht, und sich kümmert, und man ihm wichtig ist. Dass er Verantwortung übernimmt und eben nicht nur spielen will.

Und dann las ich das: Ein Mädel (in englischsprachigen Teil meines Twitter) reklamierte für sich, in einer D/s-Beziehung zu sein und sub ihres Dom. Und gab allen Ernstes an, dass sie ihr Safeword oft und oftmals für irgendwelche Sachen benutzt, auf die sie heute aber echt keinen Bock hat. Wohlgemerkt, es handelte sich nicht um Tabus, nicht um noch nie Vorverhandeltes, und es war nichts, was sie aus medizinischen Gründen jetzt oder gar nicht tun kann.

Und sie sagte tatsächlich, dafür wäre so ein Safeword ja da, und Consent blabla und Grenzen blabla. Und dafür gab es tatsächlich reichlich Zuspruch aus der Bubble und RTs und Herzchen und Applaus. Weil, da hat aber eine verstanden, wie man Predatoren fernhält und verantwortungsvolles BDSM betreibt bla schwafel.. Und ich dachte nur, habt ihr den Schuss nicht gehört??? Anderen BDSMlern so einen Stuß zu erzählen, und das noch als perfekt gelebtes D/s zu verkaufen….da krieg ich Puls.

Hat dieses Mädel denn – neben dem völligen Fehlen von Hingabe und Gerhorsam und Submission – überhaupt keinen Stolz? Igitt. Das ist keine D/s-Verbindung, sondern topping from the bottom, Wunschzettelerfüllerei, das Dömmchen am Nasenring rumführen, und für jede echte sub ein Grund zum Fremdschämen mit übelstem Cringefaktor. Ein Safeword ist der Schalter fürs Not-Aus. Der letzte Rettungsanker. Den man nur wirft, wenn es gar nicht anders geht, und den man eigentlich versucht, zu vermeiden. Weil man seinen Stolz hat, und will, dass der Herr stolz ist, verdammte Axt! Ein Safeword benutzt man doch nicht inflationär und für jeden Scheiß, wenn man keinen Bock auf wasauchimmer hat. Und dass so viele Leute so einen Mist auch noch teilten und das Mädel lobten, anstatt ihr Bescheid zu stoßen, macht mich echt sauer.

Und solche Fakes versaubeuteln nicht nur die Bedeutung des Begriffes D/s, sondern sie tun sich auch wirklich keinen Gefallen, wenn sie sich sub oder Sklavin oder TPE-erfahren nennen. Denn wenn die jemals mit einem Lifestyler zu tun kriegen, der aufgrund der reichlich blumigen Selbstbeschreibung Interesse zeigt, dann haben sie nach gefühlten 5 Minuten ein echtes Problem, bzw fragt sich das Gegenüber, ob die Witze machen, wenn sie “keinen Bock” haben, und sägt sie ab.

Und genau deshalb, zur Einordnung und Verständigung, sind die gefürchteten Schubladen und so ein paar feststehende Begriffe und Definitionen nötig und praktisch. Nicht mehr, nicht weniger. Struktur, Gerüst, feste Größe. Und schließlich man kann ja auch in mehrere Schubladen was stopfen, es muss ja nicht das ganze Hab und Gut in einer einzigen liegen 😉

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