Nerv. 2020er Gedanken.

Momentan bin ich an manchen Tagen innerlich ziemlich schlecht ausbalanciert. Das merke ich selber. Funktioniere aber halt weiter, so wie immer. Vielleicht, weil ich mich in so eine Art Mini-Apathie versetze. Ducken, sich nicht um Dinge kümmern, einfach durch den Tag oder das Problem, ohne Blick zur Seite. Ist aber schwer, manchmal. Weil Corona bei mir doch Spuren hinterlassen hat übers Jahr. Oder besser, weil die Art wie Corona von der Regierung gehandhabt bzw versaubeutelt wird, und die vielen Artikel und Videos über schwurbelnde, rechte Solidaritätsverweigerer aka Querdenker mich innerlich so brüllschreiend wütend machen, dass ich ganz hibbelig werde. Zusammen mit noch einigen anderen Faktoren kommt dann eine andauernde, latente Aggression gepaart mit einem Gefühl der Resignation dabei raus. Das zu unterdrücken gelingt mir oft, aber nicht oft genug.

Eine vorübergehende Zeit der Entspannung durch eine “schmerzinduzierte Bewusstseinsänderung” aka BDSM, und ganz generell und most importantly endlich ein Wiedersehen mit meinem Herrn ist eben mostly wegen Corona auch nicht drin. Und meine Schilddrüse hat vor einigen Wochen so dermaßen gezickt, dass ich kaum noch wusste, wie mir geschah. An allen Ecken und Enden, vom Scheitel bis zur Sohle, Schmerzen und Beschwerden. Bin kaum noch in den 2. Stock gekommen und war völlig fertig. Kein Wunder, wenn man ohne Herzprobleme Herzrasen und dazu nachts im Bett einen Ruhepuls von 110 hat. Inzwischen hat mein Immunsystem wieder aufgehört, mich zu hassen, und ist wohl wieder eingepennt, aber ich muss leise treten. Wenn mir dann auf Twitter irgendeine arme dumme Wurst vor die Flinte läuft, oder mir real Life einer blödkommt, fällt die Reaktion nicht unbedingt so diplomatisch aus, wie sie könnte. Oder ich erwische mich, wie ich ab und zu wegen irgendeines eigentlich nichtigen Grundes meine Kinder anmeckere, was auch nicht gerade von stabilem Seelenzustand und Gerechtigkeit zeugt, ne.

Es kommen halt gerade einige Sachen zusammen. Corona führt auch dazu, dass ich seit Ende Oktober nicht arbeiten darf. Beherbergungsverbot. Naja, Geschäftsreisende und Monteure dürfte ich beherbergen, aber die sind hier in den ruhigen Monaten selten wie Einhörner. Die Hilfen der bayr. Regierung nutzen mir als Saisonbetrieb auch nur bedingt etwas. Man kann sagen, dass ich das komplette Frühjahr ab Anfang März -wo normalerweise zig chinesische und italienische Touristen die Schlösser und die Gegend anschauen- über Ostern bis inklusive Mai (wo normale Jahre mit den langen Feiertagswochenenden ca 20K Umsatz machen) durch Corona und die Folgen für den Tourismus verloren habe. Eine Soforthilfe von 9K damals, die erstens (allen Ernstes!!) zu versteuern ist und bei der zweitens bis heute nicht klar ist, ob ich sie nicht irgendwann zurückzahlen muss, weil meine Verwendung des Geldes vielleicht nicht genau die war, die die Regierung sich einbildete (wenn auch genau so dringlich und komplett dem Erhalt des Geschäfts gewidmet), war ein Tropfen auf den heißen Stein. Bis Ende Mai durch den fehlenden Frühling waren die ersten 10-15K weg, die sonst auf der hohen Kante geblieben wären und für die ich literally jahrelang geschuftet hatte.

Es ist nämlich nicht jeder Hotelier oder Vermieter reich und arbeitet nix, und kommt nur zur Gästebespaßung raus und fährt sonst im LodenFrey-Janker mit dem Jeep zum Golfen davon oder sowas, während seine drölfzig Angestellten schuften. Ich schufte selber wie ein Pferd für einen jährlich schwankenden, immer unsicheren Lebensunterhalt, werde aber als Selbständige grundsätzlich vom Finanzamt bzw der Regierung als potentielle Schwerkriminelle gesehen, und von der gesetzlich versicherten Arbeitnehmerseite und allen Parteien links der CDU als sowas wie ein arroganter, unsolidarischer Sklaventreiber. Nur mal so.

Und die Monate September und Oktober dürften im Vergleich zu 2019 nicht die mindestens 30% Umsatzrückgang ausmachen, die es braucht um überhaupt wenigstens läppische 40% der Fixkosten ersetzt zu kriegen.

November wird ne Nullnummer, denn 75% von saisonbedingter Schließung ist nunmal null.

Die Dezemberhilfe dürfte gnädig klappen, und wenn es (wie ich fest glaube) einen Lockdown weit über den 10.1. hinaus gibt, vielleicht eine Januarhilfe. Mir ist nämlich meine komplette Wintersaison, die nur von Xmas bis Heilig-3-König geht (also die Ferienzeit) Coronabedingt abhanden gekommen. Das sind dann wieder je nach Jahr 10-13K Umsatz weniger, und damit der magere Gewinn daraus -nach Nottinghams Steuern, Abgaben und Fixkosten. Und davon lebe ich nunmal. Ich hab ja keine Lohnfortzahlung oder Kurzarbeitergeld oder irgendein Amt, das sich für mich verantwortlich fühlt.

Funfact 1: meine PKV als Selbständige darf ich NICHT für das Hilfspaket mit einrechnen. Die bezahlt sich logischerweise aus dem Geschäft bzw dem, was mir bleibt. Ohne die läuft das Geschäft nicht. Ich BIN das Geschäft. Einzelunternehmen. Aber das ist denen egal. Und auch, wovon bitteschön ich die bezahle.

Funfact 2: sogar FALLS das Beherbergungsverbot am 10.1. enden würde (und das tut es garantiert nicht, denn am 10.1. sind wir wahrscheinlich gerade dabei, uns von einer über Weihnachten und Silvester aufgebauten landesweiten Inzidenz von 350 runterzuarbeiten und sie wollen ja auf unter FÜNFZIG, besser 25 kommen, bevor sie lockern. Dabei also bis Ende März oder so noch viel Spaß) hätte ich danach bis mindestens Fasching keine Gäste und 2021 werden auch die wegbleiben. Ich denke, um Ostern 2021 herum geht es dann vorsichtig wieder weiter. Zumindest für die Betriebe, die es dann noch gibt. Und das werden bei Weitem nicht alle sein. Und auch bei den Brauereien, den Metzgereien, den Bäckern, also allen, die zu einem großen Teil von der konstanten Abnahme ihrer Produkte durch die Gastro leben, gibt es teils jetzt schon Opfer. Bei der Firma Nocker (Fleisch- u Wurstwaren) zum Beispiel, sind heute endgültig die Lichter ausgegangen.

Also muss ich versuchen, mich wieder mal selber ausm Dreck zu ziehen, und mit großer Sparsamkeit, null Investitionen (ich hatte ursprünglich an ein paar neue Sessel, Beistellmöbel, Lampen, Vorhänge und große Deko-Objekte gedacht, um die ich schon ewig rumschleiche), den Resten aufm Geschäftskonto, den paar Tausend Kröten von der Dezemberhilfe (und evt Januar wenn ich Glück habe und es sowas geben wird) und mit dem Geld, was ich aus den bei der PKV eingereichten Arzt/Behandlungs/Medikamentenrechnungen zurück bekomme, irgendwie bis zum Frühjahr über die Runden zu kommen. Aber… da sind dann ja noch die Steuernachzahlungen für 2019 \o/ Juchu.

Wobei ich ganz persönlich und subjektiv eigentlich froh bin, dass ich gerade keinen sehen muss. Mir reichen solche Situationen wie genau vor Weihnachten, wo ich mit K1 und viel zu vielen wildfremden Menschen im Warteraum des Krankenhauses saß weil K1 einen Termin beim Orthopäden hatte, schon dicke. Mein Fluchtreflex ließ sich bei jedem Hüsteln von irgendwo her nur sehr mühsam unterdrücken. UND ES LÜFTETE DORT KEINE SAU. Und ich saß über 45 Minuten da wie auf glühenden Kohlen mit meiner FFP2, und wagte kaum zu atmen. Ich habe in FFP3 investiert, und trage die übern Winter, falls ich das hier langfristig überlebe. Ich wollte da nur so sehr raus, dass ich den Druck körperlich spürte. Wahrscheinlich macht mir das, was sie hier Lockdown nennen, deshalb auch weniger als anderen Menschen. Ich mag Gesellschaft, aber nur von ausgesuchten Leuten, und mit Auszeiten. Ich bin gern auf Parties, aber nur mal ab und an einen Abend. Ich geh auf Konzerte, aber das Zenith ist mir hundert Mal lieber als das Olympiastadion. Ich tolereriere volle Züge oder U-Bahnen, aber bin heilfroh, wenn ich da raus bin und Luft habe. Alles ohne Corona, wohlgemerkt. Momentan würde ich in einem städtischen ÖPNV wahrscheinlich noch mit FFP3 in Schockstarre fallen. Man könnte auch sagen, einem INTJ fällt ein Lockdown vielleicht einfach leichter 😉

Zurück zum Thema. Mit 20+ fremden Menschen ohne Maske (weil beim Frühstück) wäre ich zur Zeit nicht wirklich glücklich. Es ist total ok, dass das Haus zu ist. Nur die finanzielle Seite ist….bitter. Wenn die nächste Saison nicht ab Ostern echt gut läuft, oder das Wetter total mies ist den ganzen Sommer, und man sich vor dem Urlaub ziert, habe ich keine Reserven mehr, das aufzufangen. Und abgesehen davon schwant mir schon jetzt, dass ich jedem Zweiten beibringen darf, dass er WIRKLICH eine Maske vor der Visage braucht. Ja immer noch. Nein ein paar Prozent der Bevölkerung zu impfen bis dahin bringt nix. Ja auch im Sommer. Nein eure Atteste vom YouTube Professor interessieren mich immer noch nicht. Nerv.

Denn es ist ja so….selbst dem offiziellen Fahrplan nach kommen Leute wie ich mit meinem zickigen Immunsystem frühestens im Sommer dran. Vielleicht auch erst im Herbst. Und danach mal der Rest. Da ist es dann längst wieder so weit, dass die bis dahin drölfzigste Welle kommt, weil es Winter wird, und die Leute immer noch dumm sind. Wenn überhaupt genug Leute sich impfen lassen und nicht auf das Blödgeschwätz von Hunderttausenden selbsterklärten Virologen hören. Menschen allgemein und insgesamt machen mich zynisch, müde und sauer. 2020 hat mir gezeigt (nicht, dass ich es wissen wollte denn ich bin entsetzt) WIE VIELE Menschen strunzdumm, unsolidarisch, rotzlöffelig und/ohne jegliche Resilienz sind. Alles verwöhnte, sozialversicherte, in einer Demokratie lebende Mimimis, die im Leben niemals Krieg oder Krise hatten, und beim ersten Windhauch zusammenbrechen. Mit irgendwelchen Lockdowns komm ich klar, nur mit Querdeppen & Co nicht. Ich finde wenig auf der Welt so unerträglich wie dumme Menschen. Ich habe inzwischen schon kleine Gewaltphantasien von krass hart eingestellten Wasserwerfern, Schlagstöcken und Boot Camps 😉 und muss zugeben, dass ich mich DIEBISCH freue, wenn ich ab und zu höre, dass es wieder einen Querdepp oder Corona leugnenden AfDler erwischt hat. Ja, meine Nächstenliebe und mein Gutmenschentum gegenüber Idioten sind schon lange aus.

Und je mehr Reportagen und Tweets aus der Krankenhausbubble bezüglich Corona ich mitbekomme, desto mulmiger wird es mir. Vor allem mit diesen neuen Mutationen, die zumindest die Übertragung wohl deutlich einfacher machen. Nicht gut. Ich putze und desinfiziere und maskiere jetzt seit März vor mich hin, und gehe echt nur für Einkäufe und (Arzt)termine oder Physio von K1 in die Zivilisation. Aber ich kann die Familie nicht komplett wegsperren. Der Ex hat seine Freundin (die es schon im Frühjahr hatte), die er mehrmals in der Woche sieht, und mein K2 trifft sich ab und zu mit deren K2. Auch an Silvester wird K2 bei denen sein. K1 traf sich an Weihnachten das erste und wieder für eine Weile einzige Mal für ein, zwei Stunden mit der besten Freundin, zwecks Geschenkeaustausch und Update. Beide Ks sind immer daheim und haben fast immer nur Online-Kontakt zu (teils in Griechenland, Holland oder Polen befindlichen) Freunden ( die Freuden des Internets und der zu weiten Wege eben, kennt man ja auch von von Twitter), aber ein halbes Jahr komplett wegsperren ohne echten Kontakt kann ich sie auch nicht. Und die Oma geht auch zumindest 1x in der Woche vor die Tür. Alle mit FFP2 und bald mit FFP3, aber trotzdem…grummel.

Mein Schutzwall hat also mehrere Löcher und mehr Unbekannte, als mir lieb ist. Aber komplett einigeln kann selbst ich, momentan ohne Arbeit und bei Fuchs und Hase wohnend, mich nicht. Ich will mich gar nicht zu sehr beklagen, weil es sicher viele Menschen gibt, denen es viel schlechter geht, und die jetzt schon völlig Pleite sind, oder gesundheitlich viel viel schlechter dran als ich, aber trotzdem war mein 2020 nichts, was ich nochmal brauche. Wobei mich das ungute Gefühl beschleicht, dass 2021 auch nicht viel anders wird.

Und was mir wirklich zu schaffen macht, ist die Tatsache, dass ich meinen Herrn zuletzt vor SIEBEN Monaten live und in Farbe gesehen habe. Zuerst Arbeit, dann Arbeit und Corona und jetzt immer noch Arbeit aber hauptsächlich Corona. Ich versuche, mir nix anmerken zu lassen, aber wenn der Ex wieder mal zu seiner Freundin zum Übernachten oder zum Wandern oder zum beim Einkauf helfen oder an Silvester fährt, oder wenn ich mitbekomme, dass sich andere Leute ganz natürlich mit ihren Partnern treffen und sich gegenseitig besuchen, frisst sich eine Mischung aus Neid, Vermissen, Depri und Traurigkeit durch mich durch, und das mag ich gar nicht. Wenigstens sind wir täglich auf WA zusammen, aber trotzdem….hmpf. Einen Eintrag bezüglich irgendwas mit “Herr – ich” gibt es als nächstes. Vielleicht nur für ihn oder zuerst mal für ihn, und dann für alle…mal schauen. Vielleicht kriegt er den ja noch heute, falls ich es schaffe. Aber zuerst musste ich mich mal tagebuchartig über mein 2020 auskotzen. Obwohl es objektiv betrachtet sicher nicht SO schlimm war, und das ist mir auch bewusst. Danke für die Aufmerksamkeit, und bleibt bzw werdet gesund 🙂

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